Scheinbar unaufhaltsam naht das Unheil. Kaum hatten die Stabilitätspolitiker in den Regierungen und Notenbanken der Industrieländer Zeit, ihren Sieg über die Inflation zu feiern, da regt sich dieses Gespenst schon wieder. Schreckensmeldungen in den Tageszeitungen flößen den Bundesbürgern Angst ein: Von rasch wachsenden Geldmengen und steigenden Preisen ist da die Rede. Zwar blieb das Preisniveau von Juni auf Juli konstant, aber binnen Jahresfrist sei es doch deutlich um 0,7 Prozent gestiegen, nach nur 0,2 Prozent im Juni, warnte jetzt eine Hamburger Tageszeitung.

Bald, so ahnt der Sparer, wird er wieder hilflos mit ansehen müssen, wie sich das Inflationsgespenst am so mühsam zusammengetragenen Geldschatz zu schaffen macht. Schon empfehlen clevere Finanzberater ihrer sensiblen Kundschaft, das Ersparte in einen sicheren Hort zu bringen. Der starke Anstieg des Goldpreises in den vergangenen Tagen zeigt, daß dieser Rat dankbar angenommen wurde. Ob das klug war?

Niemand bestreitet, daß die Preise in den meisten Industrieländern in den vergangenen sechs Monaten stärker gestiegen sind als in der gleichen Zeit des Vorjahres: Aufs Jahr umgerechnet haben die Vereinigten Staaten jetzt wieder eine Inflationsrate von gut fünf Prozent; sie ist damit mehr als doppelt so hoch wie 1986. Auch zum Beispiel in Großbritannien, Frankreich und der Bundesrepublik erwarten Fachleute in diesem Jahr eine um etwa einen Prozentpunkt höhere Inflationsrate als 1986.

Dafür gibt es einen einfachen Grund: Im vergangenen Jahr drückte vor allem der stark fallende Ölpreis die Teuerungsraten in den Industrieländern nach unten. Im Schnitt kostete 1986 ein Barrel Rohöl (159 Liter) rund 15 Dollar nach 27,5 Dollar zwölf Monate zuvor. Inzwischen ist der Ölpreis wieder auf gut zwanzig Dollar pro Barrel gestiegen, und das schlägt sich zwangsläufig auch in den Lebenshaltungskosten nieder.

Nimmt man es genau, so wurde im vorigen Jahr der Stabilitätserfolg durch den drastischen Verfall des Ölpreises überzeichnet. Die Entwicklung in diesem Jahr zeigt genauer, was die Notenbanken ohne diese Schützenhilfe im Kampf gegen die Inflation erreicht haben. Das Ergebnis: Vielleicht mit Ausnahme der Vereinigten Staaten wird der Preisanstieg in den wichtigsten Industrieländern in diesem Jahr recht moderat ausfallen. Hierzulande ist mit einer Teuerungsrate von etwa einem Prozent zu rechnen.

Das ist ein glänzendes Ergebnis, bei dem sich das Wort Inflationsrate eigentlich verbietet. Selbst die Deutsche Bundesbank räumt ein, daß es noch nicht als Geldwertminderung zu werten sei, „wenn der Preisindex für die Lebenshaltung um vielleicht ein Prozent pro Jahr steigt“.

Noch einen zweiten Grund gibt es, der manche Ökonomen und viele Geldanleger veranlaßt, Sack und Asche bereitzustellen, damit die Rückkehr der Inflation auch gebührend betrauert werden kann: die stärker als geplant wachsenden Geldmengen in den Industrieländern. Ob in den Vereinigten Staaten oder in der Bundesrepublik, überall nimmt die Geldmenge schneller zu, als sie eigentlich sollte. Wie schon im Vorjahr, so wird die Bundesbank auch am Ende dieses Jahres in ihrer Bilanz ein paar Milliarden Mark mehr an Banknoten und Einlagen von Kreditinstituten ausweisen müssen als ursprünglich beabsichtigt.