München: „Enzo Cucchi: Testa“

„Testa“ heißt Kopf – die Bilder, denen der Besucher in der Ausstellung begegnet, sind Nachbilder jener Bilder, die im Kopf des Künstlers entstehen. Und der ist, wie anders, voll von Kunst, die bereits existiert, die sich vordrängt, die eigenen Einfälle überlagert. Die schon vorhandene Kunst wird für den Künstler zu einem immer unüberwindlicheren Hindernis, vor dem man resignieren kann, das man aber auch, wie Cucchi es tut, attackieren kann. Er weiß, daß die Liaison mit der Kunstgeschichte nicht selten zur tödlichen Falle wird, deshalb fordert er die Vergangenheit der Kunst zu einem Duell heraus, bei dem ihm die Wahl der Waffen bleibt – und die Bestimmung des Austragungsorts. Er stellt sich der Konfrontation in einem Bereich, der ihm die Entscheidungsfreiheit sichert: Er schreibt in Bilder, die nicht er erfunden hat, seine eigenen ein. Er drängt, auf die Durchschlagskraft seiner Handschrift vertrauend, die Vor-Bilder weg (und sein Experimentieren mit ungewöhnlichen Materialien, Gummiguß oder Beton, spielt dabei eine wichtige Rolle), ein Verfahren, das im Extremfall in schöpferische Zerstörung eines originalen Werks mündet. So in der Bearbeitung von alten Bühnenprospekten, denen er den Stempel „Cucchi fecit“ aufdruckt. Dabei kippt das Theatralische der Szenenbilder um ins pathetische Monumentalische – Cucchi sorgt für einen brillanten Auftritt und verschafft sich einen verblüffenden Abgang. Cucchi inszeniert Kunst-aus-Kunst, ein vorübergehendes Ereignis, von dem jedoch ein Nachbild haften bleibt – und das verbindet sich mit dem Namen Cucchi. Touche.

(Städtische Galerie im Lenbachhaus, bis zum 13. September; der zweibändige Katalog kostet 45 Mark) Helmut Schneider