William Faulkner: „Vater Abraham“

Ein Mann, verdreckt und mit lehmfarbenem Stetson-Hut, Pferde, buntscheckig wie Patchwork-Decken und mit Stacheldrahtstücken aneinandergefesselt: Südstaatenmilieu, Südstaatenflair. Ganz in die eigentümliche Atmosphäre Mississippis getaucht (wie alle Romane Faulkners) ist auch die Story eines Fragments, das, 1926 niedergeschrieben, erst vor wenigen Jahren in der New Yorker Public Library aufgetaucht ist ( aus dem Amerikanischen von Rudolf Hermstein, S. Fischer Verlag, Frankfurt 1987; 103 S., 26,– DM). Es riecht förmlich nach Pferdeschweiß, nach Pferdehuf, nach Pferdeäpfeln in Faulkners Geschichte vom falschen Pferdehändler Flem Snopes, der mit grober List und einem Helfershelfer den Siedlern eines Mississippidorfs eine Herde wilder Mustangs andreht, die beide aus Texas mitgebracht haben. Es ist derselbe Flem Snopes, der später nach Jefferson in den legendären Landkreis Yoknaptawpha zieht und dessen Familie in den Romanen Faulkners den Lebensstil der gesellschaftlich aufgestiegenen Landarbeiter verkörpert, jenen „Snopesismus“, der nach dem Gelde schielt. „So hatte er Fuß gefaßt, und wie einstmals Abraham führte er nun seine Familie Stück für Stück in die Stadt“, heißt es später in Flags in the Dust und erklärt den Titel dieser frühen, abgebrochenen Geschichte. Sie beginnt mit dem fulminanten Porträt Flems: Eine Person entsteht durch kraft- und saftvolle Sprache, in der sich die Wörter übereinandertürmen wie Fleischberge, wie Muskelpakete. Da ist Eula Varner, eine elementare Natur, der wir in späteren Büchern Faulkners wieder begegnen, eine üppige, verführerische Schönheit, und da sind schließlich die Pferde, einmal „stampfende Schatten ohne Fülle und Form“, ein andermal „geisterhaft gefleckte Fische“. Die Erzählung entwickelt eine grandiose Komik, die ausbrechenden Mustangs sehen sich Auge in Auge einem Nähmaschinenvertreter in Unterhosen gegenüber, wirbeln ein Maultiergespann von einer Brücke, stiften Panik im ganzen Dorf und werden schließlich, im wechselnden Tempo der Erzählweise, in die schwellenden Gestikulationen eines Frühlings einbezogen, als seien sie reinste Mississippinatur. „Eine Welt lilafarbenen Friedens“ tut sich am Ende auf, das Fragment rundet sich fast zur Geschichte. In den Romanen Faulkners geht sie weiter. Ludwig Hang

Clive Barker: „Das erste Buch des Blutes“

In einem zumindest lügt dieser mit schreienden Werbesprüchen ausstaffierte angelsächsische Import nicht: daß „Das erste Buch des Blutes“ (Droemer Knaur, München 1987; 288 S., 29,80 DM) von letzterem trieft, trifft zu. Im übrigen muß bestritten werden, daß es sich überhaupt um ein Buch handelt. Die hier versammelten sechs sogenannten „blendenden Beispiele radikalen literarischen Horrors“ (Klappentext) sind in Wahrheit eine Kollektion schludrig arrangierter Drehbuch-Exposes. Trotzdem droht der Verlag, fünf weitere Blut-Bücher auf den Markt zu bringen. Zur Zeit werden drei Filme nach Vorlagen von Clive Barker produziert, und so darf man dem Horror-Hollywood -Spezialisten Stephen King ruhig Glauben schenken, der auf der Banderole verkündet: „Ich habe die Zukunft des Horrors gesehen, und ihr Name ist Clive Barker.“ Cornelia Köster