Der Streit um die Chilenen, Menschenrechte und Unionsstrategien: Er erzeugt Mißstimmung überall. Aber es gibt in Bonn noch mehr, die sich aus ganz anderen Gründen frustriert fühlen. Ihre manchmal geradezu generalstabsmäßig ausgeklügelten Pläne, das vielberufene Sommerloch zu nutzen, um sich und ihre Vorhaben – oder umgekehrt – ins Gespräch zu bringen, sind fast sämtlich zuschanden geworden. Ob es sich nun um die Vorbereitungen der Jungen Liberalen auf den FDP-Parteitag im September, um die Ansichten der CDU/CSU-Mittelstandsvereinigung zur Tarifpolitik, um einen Bericht des Landwirtschaftsministeriums über die europäischen Waldschäden oder sogar um einen Versuch des Gesundheitsressorts handelt, der Furcht vor Fischwürmern entgegenzuwirken – so recht zu Schlagzeilen kommt davon nichts. Der giftige Konflikt im Regierungslager füllt, jedenfalls bisher, das Sommerloch vollständig aus.

So flächendeckend ist der Chile-Zwist bis in diese Woche hinein gewesen, daß selbst ein Thema ganz an den Rand geriet, das die Gemüter sonst wohl heftig erregt hätte. Carl-Dieter Spranger, Parlamentarischer Staatssekretär beim Innenministerium, hat die Plane ein wenig von Regierungsplänen gehoben, für Männer bis zu 65 Jahren, vielleicht auch für Frauen, eine Zivilschutz-Dienstpflicht einzuführen. Bei Katastrophen oder im sogenannten Verteidigungsfall sollen sie dann bei Evakuierungen oder der Verteilung von Lebensmitteln helfen.

Soll es also ernsthaft zur Sache gehen bei einem Problem, dem sich die Politiker, in den verschiedenen Regierungen wie im Parlament, bisher, wenn überhaupt, nur kursorisch genähert haben? Von den immensen Kosten, zumal beim Schutzraumbau, ganz abgesehen, hat die Scheu, das heiße Eisen wirklich anzufassen, natürlich vor allem damit zu tun, daß sich für den Fall der ganz großen Katastrophe sowieso keiner wirksame Vorkehrungen, geschweige denn Abhilfe vorstellen kann.

Indes, Katastrophen wie die von Seveso oder auch von Tschernobyl, bei Sandoz oder zuletzt in Herborn, nähren den Gedanken, wie der Zivilschutz wenigstens in begrenzten Fällen verbessert werden könnte. Die Zuständigkeitsverteilung zwischen Bund, Ländern und Gemeinden ist kompliziert, das Durcheinander der Hilfsorganisationen oft beträchtlich. Zumindest darüber wird zwischen Beamten des Innenressorts, Fachleuten der Bundestagsfraktionen und Vertretern der Behörden und Organisationen schon seit geraumer Zeit gesprochen, ebenso über mehr und moderneres technisches Gerät.

Die Sache freilich bis zu einer regelrechten Dienstpflicht durchzubuchstabieren, dazu besteht anscheinend wenig Neigung. Aus der FDP sind schon ablehnende Stimmen gekommen. Und sicherlich war es von Spranger, bei auch sonst im Innenministerium oft fehlendem Fingerspitzengefühl, nicht geschickt, das Thema ausgerechnet in Ferienzeiten zur Sprache zu bringen.

Doch die Politiker stecken ihre Nase ja in alles, sogar in den Urlaub. Unbemerkt hat der Wirtschaftsausschuß des Bundestages einen Unterausschuß gebildet, der sich mit den Problemen befaßt, die der rapide weiter wachsende Tourismus aufwirft: vom Verkehr über den Umweltschutz bis zur Freizeitgestaltung. „Sanfter Tourismus“, der zum Beispiel nicht durch Übererschließung von Ferienlandschaften die Verschüttung ganzer Täler heraufbeschwört, ist eines der Stichworte, welche die Diskussion beherrschen. Und nicht zuletzt geht es den 15 Abgeordneten auch darum, daß die Bundesrepublikaner nicht immer mehr an immer fernere Gestade ausschwärmen, sondern auch häufiger und hierzulande Ferien machen. Was einheimische Urlaubsziele betrifft, wird die Fremdenverkehrsbranche unruhig.

Aber Ferien? In Bonn nicht. Das berühmte Sommerloch hat sich nicht aufgetan. „Rauchen im Spannungsfeld von individueller Freiheit und staatlicher Verantwortung“: damit gedachte zum Beispiel ein entsprechend interessierter Verband die vermeintlich spannungslose Zeit zu überbrücken. Ach ja. Alles vergebens, alles zu Schall und Rauch geworden. Carl-Christian Kaiser