Eine Frau wartet auf das Ende einer Liebe, auf das, was man „darüber hinwegkommen“ nennt. Sie lebt den Sommer über in einer fremden Wohnung, schreibt an einem Buch, beobachtet die Menschen. Sie denkt über die zehn Jahre jüngere Freundin nach, die viel häufiger als andere Menschen mit Haut und Haaren in Liebesgeschichten verwickelt ist, an deren Ende sie stets kämpfen muß, „entweder darum, sich zu befreien, oder zu verhindern, daß er sich befreit“.

Die erfahrene Frau versucht sich abzulenken, der Sehnsucht so ruhig die Stirn zu bieten. Aber es nützt alles nichts, andauernd denkt sie an den geliebten Mann, an den einen Frühling mit ihm, an seine Berührungen, die langen Gespräche.

Zuerst sind die Erinnerungen noch eine Freude, dann werden sie zur Qual, sie lassen sich nicht vertreiben, nehmen von ihrem Leben Besitz. So bleibt ihr nur der eine Trost: „Es gibt eine Grenze für das Maß an Leid und Verwirrung, das man wegen der Liebe bereit ist, auf sich zu nehmen, ganz so wie es eine Grenze für das Maß an Unordnung gibt, die man in einem Haus ertragen kann. Man weiß nicht im voraus, wo diese Grenze liegt; doch weiß man, wann sie erreicht ist. Daran glaube ich.“

Eine ganz normale Geschichte ohne besondere Höhepunkte oder Tragik: der Schmerz am Ende einer Liebe.

Die hageren Tanten

Es ist das Wissen um die Vergänglichkeit und das Ende, das die Protagonistinnen in dem bei uns jetzt erschienenen (neun Jahre alten) Erzählungen-Band von Alice Munro auszeichnet. Diese Frauen sind nicht mehr jung und haben ihre Erfahrungen mit der Liebe gemacht; sie sind Mütter geworden und dabei doch Töchter geblieben, denn das andere Motiv, neben dem der Schmerzen und Hoffnungen in der Liebe, das ist das der Herkunft, der Vergangenheitsspuren. Hatten sie noch vor zehn Jahren den Unterschied betont, die Andersartigkeit der eigenen Biographie zu der der Eltern, so suchen sie jetzt nach Überschneidungen, nach Kontinuitäten: da sieht etwa die eine Ich-Erzählerin plötzlich, daß sie, verzichtete sie auf das Make-up und die modische Kleidung, aussähe wie ihre hageren, in Arbeit und Demut gealterten Tanten.

Eine andere erinnert sich (in der Titelgeschichte), konfrontiert mit dem Lebensende ihres Vaters, wie sehr sie sich immer über dessen bruchstückhaftes Gedächtnis geärgert hatte; inzwischen kommen ihr nun auch viele Jahre ihres Lebens gleich und unscheinbar vor. Die Wiederholungen, die einem mit dem Alter bewußt werden.