Die Briten starten spät im Rennen um einen Platz für das europäische Satellitenfernsehen ohne Grenzen. Aber sie kommen mit einer massiven Investition von mehr als 1,8 Milliarden Mark und ohne staatliche Hilfe, und sie haben den Vorteil der englischen Sprache. BSB (British Satellite Broadcasting) will den Briten und Zuschauern auf dem Kontinent 1989 ein "Weihnachtsgeschenk" präsentieren. Vier Programme sollen mittels einer Antenne im Ausmaß einer Suppenschüssel zu empfangen sein. Bis dahin dürften auch die Deutschen, die Franzosen und die Luxemburger mit neuen Satelliten und Programmen das Angebot aus dem All beträchtlich angereichert haben.

Es hat lange gedauert, bis sich Großbritannien darüber klar wurde, wie es seine fünf durch internationale Abmachung im Jahre 1977 zugeteilten Kanäle für das Direktfernsehen via Satellit nutzen will. Zunächst sollte die öffentlich-rechtliche BBC vorangehen, dann gemeinsame Sache mit den fünfzehn kommerziellen Fernsehgesellschaften machen. Die Pläne zerschlugen sich, als die konservative Regierung Thatcher der privaten Initiative auch im Rundfunk- und Fernsehwesen den Vorrang einräumte. Private Konsortien wurden eingeladen, sich um die Lizenz zu bemühen. BSB ist aus diesem Wettbewerb mit einem Vertrag für drei Kanäle auf fünfzehn Jahre als Sieger hervorgegangen.

Ein leistungsfähiger Satellit einerseits und erhoffte Fortschritte in der Empfangstechnik andererseits sollen ermöglichen, daß die Signale von Parabolantennen von nur rund 30 Zentimeter Durchmesser aufgefangen werden können, die man aufs Fensterbrett stellen kann. Die ganze Anlage soll den Zuschauer nicht mehr als 200 Pfund kosten. Gute Bildqualität, relativ niedrige Ausgaben für den Empfang und den Inhalt der Programme sind Voraussetzung für den Erfolg des Unternehmens. BSB plant die Sendungen Now für aktuelles Geschehen, Galaxy mit Unterhaltung, Zig Zag für Kinder und auf diesem Kanal außerdem das Filmprogramm Screen. Für Screen wird eine Abonnementgebühr von zehn Pfund im Monat verlangt. Ansonsten sollen die Einnahmen über die Werbung hereingeholt werden. Aber auch Pay-TV wird erwogen, nämlich eine Gebühr für den Empfang eines besonderen Ereignisses, zum Beispiel aus der Welt des Sports.

Das riskante Projekt lebt von hoffnungsfrohen Projektionen hinsichtlich der Zahl der Zuschauer. BSB will 400 000 schon im ersten Jahr einfangen und sich dann in die Millionen steigern, um die skeptische, aber alles entscheidende Werbewirtschaft zu gewinnen. Die bisherigen Erfahrungen mit dem Direktempfang vom Satelliten und dem Weg über die Einspeisung des Signals in Kabelnetze, die Konkurrenz mit dem üblichen (terrestrischen) Fernsehen und dem Heimkino in Gestalt von Videokassetten machen Voraussagen jedoch höchst unsicher. Manche Prognosen sind denn auch pessimistisch und prophezeihen dem Satelliten-Fernsehen in Europa eine lange Durststrecke.

Diese Erfahrung machte auch der Sky Channel, der seit fünf Jahren sendet und nun von 9,5 Millionen verkabelten Haushalten in neunzehn Ländern empfangen werden kann, voran Holland, die Bundesrepublik Deutschland und die Schweiz. Achtzehn Stunden Pop-Musik, Unterhaltung, aufgewärmte Serien und Sport strahlt dieser Kanal von London aus. Aber das zur Murdoch-Gruppe gehörende Unternehmen, das sich allein aus Werbung finanziert, steckt noch immer in den roten Zahlen.

Auf diesem Markt tummeln sich inzwischen die Anbieter von mehr als einem Dutzend Programmen in mehreren Sprachen, vom TV der italienischen RAI bis zum SAT 1, vom 24-Stunden-Nachrichten-Kanal CCN aus Amerika bis zum französischen TV 5. Der jüngste Ankömmling ist ATV aus Amerika, der mit britischer Hilfe von London aus Pop und Rock in Europas Kabelnetze verbreitet.

Rund um die Uhr sendet seit Januar auch Super Channel Dieses gemeinsame Unternehmen der britischen kommerziellen Fernsehgesellschaften will etwas anspruchsvoller sein als Sky Channel, füllt sein Programm mit abgelaufenen Serien auf und rühmt sich einer besonderen Attraktion. Von Montag bis Freitag sendet es um 22 Uhr (MEZ) eine halbe Stunde lang eine britische Auswahl internationaler und europäischer Nachrichten. Sprecher John Suchet, inzwischen ein vertrautes Gesicht in europäischen Kabelhaushalten, verliest seinen Text besonders deutlich.

Die englische Sprache ist ein wichtiges Vehikel für den erhofften kommerziellen Erfolg der Londoner Kanäle. Super Channel will herausgefunden haben, daß in 45 Prozent der angepeilten Kabelhaushalte die Engliscnkenntnisse ausreichen, um den Programmen einigermaßen zu folgen. In Reaktionen vom Kontinent wird jedoch häufig bemängelt, daß das "europäische" Satelliten-Fernsehen aus London im wesentlichen aufgewärmte amerikanische und auch britische Kost serviere. Wilfried Kratz