Diese Vorstellung findet er noch immer reizvoll: vor die Partei zu treten und zu sagen, so, das war’s, jetzt mache ich wieder meinen Uni-Job. Ingo von Münch, FDP-Landesvorsitzender in Hamburg, fände dies ein "tolles Signal", das gerade bei jungen Leuten gut ankäme. Da engagiert sich jemand in der Politik, ohne für sich etwas einzufordern. Seit die Liberalen bei der Bürgerschaftswahl am 17. Mai die Rückkehr in das Landesparlament schafften und sich mit den Sozialdemokraten zu Koalitionsverhandlungen an den Tisch setzten, hat sich der Staatsrechtslehrer Münch immer wieder vergnügt die Verblüffung ausgemalt, die der Verzicht auf ein Senatsamt auslösen würde. Aber, so fragte sich der Politiker Münch, würden die Wähler, die für ihn gestimmt haben, und würde die Parteibasis, die für ihn Plakate geklebt hat, dies verstehen? Damit sei wohl nicht zu rechnen, gibt er selbst die Antwort. Und so dürfte Ingo von Münch in drei Wochen Zweiter Bürgermeister in Hamburg sein.

Es klingt glaubhaft, wenn Münch versichert, die Jagd nach Posten sei seine Sache nicht. Macht, erklärt er bündig, bedeute ihm "nix". Die FDP an der Elbe aus dem Tal der Tränen zu führen, das war eine Aufgabe, die ihn packte. Auf jammervolle 2,6 Prozent waren die Liberalen Anfang der achtziger Jahre abgesackt; ein Drittel der Mitglieder hatte nach der Bonner Wende das Weite gesucht. Münch, dreißig Jahre zuvor als Student in Frankfurt der FDP beigetreten, hatte nie ein Parteiamt innegehabt, bevor er 1985 mit großer Mehrheit zum Landesvorsitzenden gewählt wurde. "Ingo, willst du es nicht machen?" hatten ihn die ratlosen Freunde im vornehmen Elbviertel Othmarschen eines Abends gefragt. Münch überlegte sich die Sache und sagte ja. Er nahm sich vor, die sieche Hamburger FDP "aufzumuntern und zu mobilisieren". Das vor zwei Jahren fast hoffnungslos erscheinende Unterfangen gelang. Im vergangenen November scheiterte die FDP mit 4,8 Prozent zwar noch einmal knapp; bei den Neuwahlen ein halbes Jahr später nahm sie jedoch mit Schwung die Fünf-Prozent-Hürde. 6,5 Prozent: Bei den Liberalen knallten die Champagnerkorken.

Ingo von Münch hatte die erste Etappe bewältigt. Das zweite Ziel ist zum Greifen nah: Nach mühseligen Verhandlungen, die nun schon fast drei Monate währen, könnte die erste sozial-liberale Koalition in der Bundesrepublik seit 1982 in wenigen Tagen unter Dach und Fach sein. "Architekt dieser Regierung" zu werden, darauf wäre Münch, dem das Blockdenken eines Martin Bangemann widerstrebt, stolz. Der ihm unangenehmste Part, die Entscheidung über das Regierungspersonal, steht jedoch noch bevor. Schlicht "zum Kotzen" findet er den Postenschacher, der bei den Liberalen einsetzte, kaum daß am Wahlabend die Stimmen ausgezählt waren. "Personalentscheidungen fallen mir unheimlich auf den Wecker, weil ich merke, daß Leute nach Ämtern gieren, wie ich mir das nicht vorstellen konnte."

Da klingt etwas vom Hochmut des C-4-Professors an, der von sich behaupten kann: "Vom Status her habe ich alles erreicht." Kein Wunder, daß der prominente Seiteneinsteiger in den eigenen Reihen auf Mißgunst stößt. "Da gibt es Leute, die hängen den halben Tag am Telephon", ärgert sich Ingo von Münch über seine Widersacher im rechtsgestrickten Hamburger Landesverband, für die der linksliberale Spitzenkandidat mit dem Wahlerfolg seine Schuldigkeit getan hatte. Als der stellvertretende FDP-Landesvorsitzende und neue Fraktionschef Wilhelm Rahlfs seine Überzeugung verbreitete, er sei für den Posten des Wirtschaftssenators doch eigentlich bestens qualifiziert, meldete auch Münch umgehend Interesse an dem wichtigen Amt an, obwohl ihn das Kulturressort viel mehr lockt. So einfach wollte er sich denn doch nicht ausbooten lassen. Überdies hat Münch Zweifel, daß der als Koordinator für den Flughafenausbau wenig hervorgetretene Rahlfs, Wunschkandidat der Parteirechten, neuen Elan in die Hamburger Wirtschaftspolitik bringen könnte.

Der hibbelige Rechtsprofessor, dem stets eine Haarsträhne in die zerfurchte Stirn hängt, rechnet es sich als Stärke an, von Freund und Feind unterschätzt zu werden. Die Sozialdemokraten, in Hamburg aufs Regieren abonniert, glaubten bei den Koalitionsverhandlungen mit der liberalen "Laienspielschar" leichtes Spiel zu haben. Sie haben die Beharrlichkeit und die Zielstrebigkeit ihres Gegenübers unterschätzt. Die FDP bestimmte die Themen und das Tempo der Gespräche. Privatisierung von Staatsunternehmen, Einsparungen im öffentlichen Dienst, Senkung der Gewerbesteuer, flexible Ladenschlußzeiten, Neuverhandlungen über den Kauf von fast 42 000 Wohnungen der Neuen Heimat – in allen strittigen Punkten erzwangen die Liberalen Zugeständnisse. "Die SPD ist auf eine Rutsche gesetzt worden, bei der sie sich die Hose, die Unterhose und den Hintern wundgewetzt hat", zieht ein Genosse ernüchtert Bilanz.

Inzwischen zollen die sozialdemokratischen Politprofis den zunächst bespöttelten FDP-Amateuren ("Nach jedem Halbsatz brauchen die erst mal einen Spaziergang") Respekt. Die Liberalen wußten genau, was sie wollten. Ihre Unerfahrenheit machte sie unberechenbar. "Der Ausgebuffte sucht nach den Spielregeln, bis er verzweifelt feststellt, daß der Anfänger sich nicht daran hält, weil er sie gar nicht kennt", beschreibt ein Sozialdemokrat das Marathon-Match im Rathaus. Es habe eine Weile gedauert, bis die SPD-Gruppe gemerkt habe, daß Ingo von Münch "nicht naiv, sondern beinhart ist", daß er "genau weiß, was er will".