ZDF, 6. August: „Ohne Seele läuft der Laden nicht“

Auch Firmen haben eine Seele – und sie landen mit ihr auf der Couch. Die Diagnose: Gestörte Mitarbeiterbeziehung führt zur Profitneurose. Ein Betrieb, der florieren will, pflege seine psychische Apparatur.

Vor zehn bis fünfzehn Jahren hieß das Modewort „Motivation“ – man hatte entdeckt, daß, wenn die Leute mit dem Herzen nicht dabei sind, sie weniger leisten. Heute spricht man von „Unternehmenskultur“ und allen Ernstes von der „Firmenseele“. Die „Motivation“ hatte die pure Disziplin und den Zwang abgelöst, war aber noch instrumentell geblieben, die „Firmenseele“ nimmt sich selbst wörtlich. Sie markiert, als Losung, womöglich den Anbruch einer neuen Ära im Verhältnis zwischen Werksleitern und Werktätigen, Geschäftsleitung und Belegschaft, Arbeitern und Kapitalisten. Denn sie will nicht nur das Beste der Mitarbeiter, sie verlangt auch von den Eignern Konzessionen, die bis nah an die Sozialisierung reichen.

Jede Theorie, jedes Experiment, das die Beziehungskiste zwischen den Klassen anhand eines „Konfliktmodells“ darlegt, hat mit dem Einwand zu rechnen, daß ein Unternehmer, dessen Laden im Arbeitskampf schlingert, Arbeitsplätze abbaue und äußerstenfalls seine Firma schließe. Ein Harmoniemodell kann dagegen plausibel machen, daß friedliche und fleißige Angestellte mit den Umsätzen ihre Arbeitsplatzsicherheit erhöhen – wenn nicht sogar ihren Lohn. Die „Firmenseele“ ist natürlich eine Ausgeburt des Klassenfriedens. Dennoch konnte die gut komponierte Reportage, die am letzten Donnerstag im Zweiten den heiklen Stoff erörterte, mit einem gewissen Recht davon sprechen, daß es die Generation von ’68 war, die die ersten praktischen Versuche zu dieser neuen Psychotherapie des Unternehmens angeregt hatte. Die gesunde Seele eines Betriebes verlangt nämlich nicht bloß von unten mehr Partizipation, sondern ebenso von oben mehr Delegation – bis zur Vergabe von Eigentumsanteilen an die Belegschaft. Ihr Geheimnis ist die betriebliche Demokratie – auch im ökonomischen Sinn. Unternehmenskultur, Schulterschluß aller Mitarbeiter, Identifikation mit der Firma – solche Zitate lassen an die „Betriebsgemeinschaft“ der Nazis denken oder die Unternehmensfamilie in Japan. Im Fernsehen sahen wir einen Betriebsrat, der sich „in Hitze redete“ – aber nicht wegen einer harthörigen Geschäftsleitung, sondern wegen der Gewerkschaften, die die Zeichen der Zeit nicht zu deuten wüßten. Ein dezentrales, betriebsbezogenes Denken sei Großorganisationen wie den Gewerkschaften noch fremd, und doch seien es solche Entwürfe, die auf die Arbeitswelt von morgen verwiesen. Deren Kennzeichen: Abrücken von der festen Arbeitszeit, individuelle Zeitkonten für die Mitarbeiter, ständige Information aller Betriebsangehörigen über die Geschäftspolitik, Mitspracherecht und Weiterbildung für alle, Lockerung von Privilegien der Firmenspitze durch gemeinsames Großbüro, gemeinsame Kantine et cetera. Ein Phantasiemodell? Nein, zu besichtigen etwa bei HP in Böblingen, bei Bertelsmann in Gütersloh.

Fazit: Eine geheilte Profitneurose führt zur Neuaufteilung des Profits; diejenigen erhalten einen größeren Anteil, die, wie es in der Sprache der neuen Unternehmenspsychologie heißt, das kostbarste Kapital einer Firma bilden: die Mitarbeiter. Eine Revolution von oben – durch Anstöße von unten. Barbara Sichtermann