Von Rolf Michaelis

Es gärt das Meer; / Und über dem Meer, platt auf dem Bauch / Liegt der ungestaltete Nordwind ...“ Die Nordsee entspricht an diesem Hochsommertag dem Porträt, das Heinrich Heine im „Buch der Lieder“ entworfen hat. Der junge Dichter war während der Hundstage der Jahre 1825, 1826 und 1827 auf Norderney, um seine großstädtisch angekränkelte Gesundheit in Seeluft und Meerwasser zu kräftigen.

In den „Reisebildern“ hat er die „Eingeborenen“, wie er die Inselfriesen nennt, verewigt. Er sieht sie auf ihrer „Sandinsel“, wo sie in ihren „kleinen Hütten, wohlverwahrt in wollenen Jacken, herumkauern und einen Tee trinken, der sich von gekochtem Seewasser nur durch den Namen unterscheidet, und eine Sprache schwatzen, wovon kaum begreiflich scheint, wie es ihnen selber möglich ist, sie zu verstehen“.

Auf der ostfriesischen Insel, die ein schönes, altes Kurtheater hat, wird am Abend des 6. August ein Kapitelchen Theatergeschichte geschrieben – mit der „Deutschsprachigen Erstaufführung“ des Schauspiels in drei Akten „Ein Vertrag“ von Slawomir Mrozek durch die „Landesbühne Niedersachsen Nord GmbH“.

Seitdem vor anderthalb Jahrhunderten König Georg V. jeden Sommer mit seinem hannöverischen Hofstaat auf die Insel kam, um Kaninchen, Seehunde und Robben zu jagen und um ein bißchen zu regieren, ist die mondänste der sieben ostfriesischen Inseln ein Treffpunkt von Politikern und Künstlern. Als Norderney preußisch geworden war, zog der Reichskanzler Fürst Bülow mit einem Troß Beamter von Berlin an die See. Hatte nicht Bismarck schon 1844 seinem Vater von dem „charmanten Bad“ erzählt, den „herrlichen, sandigen Strand“ und die Geselligkeit der Kur-Gesellschaft gelobt, Kegel- und Kartenspiel, „Austern essen, Kaninchen schießen, und des Abends ein bis zwei Stunden tanzen. Eine einförmige, aber – gesunde Lebensweise“?

Auch der Romane schreibende Theaterkerkritiker Theodor Fontane flüchtete auf das Eiland, um sich für die Premieren in der preußischen Haupt- und Residenz-Stadt zu stählen. Auch in den Insulanern erwachte die Sehnsucht nach einem Komödienhaus. Und so überrascht den Besucher auf einem der schönsten, stillsten Plätze der Ferien-Insel, der nur von Arno Brekers kitschiger Heine-Skulptur verschandelt wird, ein intimes Theaterchen in Weiß und Gold und rotem Samt und mit einem Kronleuchter, das die Stadt dem Fremden gleich am Portal mit den Worten empfiehlt: „Kleinod der Theater-Architektur. Erbaut 1893 nach Vorbildern im Stil eines Hoftheaters des 19. Jahrhunderts durch Architekt Holekamp, Hannover. Geschenk des Architekt Weidemann an die Stadt. 1977 saniert. 450 Plätze.“

Die 450 Plätze sind nicht alle besetzt. Kultur hat es auch in Norderney nicht leicht. An diesem Abend hat sie sich doppelter Konkurrenz zu erwehren. Im „Haus der Insel“ gleich nebenan lockt ein „DRK-Wohltätigkeitskonzert. Es spielt das Polizeimusikkorps Niedersachsen, Hannover, unter Leitung von 1. Polizeihauptkommissar Feldmann und unter Mitwirkung des MGV“ (lies: Männergesangsvereins) „Eintracht’ Norderney von 1877“. Außerdem gibt es im Kleinen Saal: „Die See- und Watvögel der Insel Norderney. Vortrag mit Farb-Groß-Dias von Dr. Manfred Vortrag Norderney.“