Sechs Sätze, jeder ein Kapitel lang, braucht Miguel Delibes für einen der fesselndsten, der gelungensten spanischen Romane der vergangenen zehn Jahre. Er erzählt darin die Geschichte des Narren Azarias, der auf einem Gutshof irgendwo an der portugiesischen Grenze Hilfsarbeiten verrichtet und zum Glück nur wenig braucht, die Wärme seiner ebenfalls geistesschwachen Nichte Charito, die Zähmung einer menschenscheuen Dohle.

Aber Azarias, der Anspruchslose, Eilfertige, Gutmütige, kann nur auf die Fürsorge der anderen Tagelöhner zählen, auf den Familiensinn seiner Schwester Lupe, seines Schwagers Paco der Kurze, der – eine andere Geschichte – noch im Alter auf die höchsten Eichen gehetzt wird, um dem Senorito, dem Gutsbesitzer, Wildtauben anzulocken, die der zu Dutzenden abknallt.

Und der Senorito ist es auch, der Azarías’ zärtlich umhegte Dohle abschießt – nicht aus Bosheit, sondern aus Wut über mangelndes Jagdglück. Damit fällt dieser Menschenverwalter, der nicht als Tyrann gezeichnet ist, der nicht kalt ist aus Berechnung, sondern aus Unverstand, böse nicht im Charakter, sondern in seiner Conditio als Machthaber über Dinge und Personen, sein eigenes Todesurteil: Azarias wirft die Schlinge über seinen Kopf, „und gleich darauf streckte der Senorito Ivan die Zunge heraus, eine lange, dicke, schwarzblaue Zunge, aber der Azarias sah nicht zu ihm hin, sondern hielt nur das Seil fest, dessen Ende er nun an dem Ast verknotete, auf dem er saß, und rieb sich eine Hand an der anderen.“

Delibes, Jahrgang 1920, Kastilier, ist kein Unbekannter der spanischen Gegenwartsliteratur. Schon in den fünfziger und sechziger Jahren galt er als herausragender Vertreter einer sozial engagierten Generation, deren Erzählkunst in den Jahren nach der Diktatur als verschroben und provinziell belächelt wurde. Die Besessenheit, mit der Spaniens Kulturszene sich einem mythischen „Europa“ unterwerfen will, hat er nie mitgemacht.

So läßt sich dieser Roman am ehesten auch mit südamerikanischer Literatur, der Prosa eines Scorza, eines García Márquez vergleichen – was nicht zuletzt auch an Curt Meyer-Clasons Übersetzung liegen dürfte, die den nüchternen Berichtston des Autors raffiniert um eine Nuance barocker Weitschweifigkeit bereichert. Erich Hackl

  • Miguel Delibes: „Die heiligen Narren“

Roman, aus dem Spanischen von Curt Meyer-Clason; Piper Verlag, München 1987; 172 S., 28,– DM