Von Jes Rau

Nur „Millisekunden“ habe er gebraucht, um sich für das Amt zu entscheiden, vertraute Alan Greenspan einem Reporter an, und jetzt sitzt er da auf dem Chefsessel der amerikanischen Notenbank, der Federal Reserve. Die feierliche Vereidigung am Dienstag dieser Woche in Washington stand noch bevor, da bekam Greenspan jedoch schon einen Vorgeschmack auf die Schwierigkeiten seiner neuen Aufgabe als Hüter der amerikanischen Währung. Sein Amtskollege und Vizepräsident Preston Martin beeilte sich nämlich, im Wall Street Journal seine Vorstellungen über die Kompetenzen des neuen Bank-Chefs kundzutun: Wie begabt ein Präsident auch immer sei, das Risiko, sich auf die Urteilskraft eines einzelnen Menschen zu verlassen, sei heute viel zu groß. Greenspan wird mehr als sein Vorgänger Paul Volcker um die Vormachtstellung auf der Chefetage der US-Notenbank kämpfen müssen.

Amerikas Fernsehpublikum kennt Greenspan bereits als einen Kommentator, der statistische Daten von allen Seiten her untersucht und so sorgfältig deutet wie ein Rabbi die Thora. Wird Greenspans wirtschaftspolitische Grundeinstellung umschrieben, fallen unweigerlich Worte wie „konservativ“ und „pragmatisch“. Tatsächlich wehrt er sich dagegen, mit Schablonen gemessen zu werden. „Er ist kein Keynesianer. Er ist kein Monetaden. und er ist auch kein Angebotstheoretiker. Wenn er irgend etwas ist, dann ein Pragmatiker“, sagt ein Kollege aus der Ökonomen-Zunft über Greenspan. Haargenau dasselbe ließe sich über Volcker sagen. Gleichwohl trennen die beiden Welten. Sie sind „pragmatisch“ und „konservativ“ auf ganz verschiedene Art und Weise.

Volcker ist von seiner Einstellung her ein „Bankbeamter“, dessen Berufsleben sich im Öffentlichen Dienst abspielte. Paul Volcker ist konservativ, weil er konventionell ist. Alan Greenspan hingegen ist konservativ aus intellektueller Einsicht. Ihm geht es vor allem darum, die Funktionsfähigkeit der Märkte und das freie Unternehmertum zu bewahren. Er ist ja selbst ein Entrepreneur, der es zum Multimillionär gebracht hat.

Seine Beratungsfirma, die er vor dreißig Jahren zusammen mit dem Anleihehändler William Townsend gründete, hat Hunderte von Unternehmen als Kunden. Townsend-Greenspan beliefert sie mit gesamtwirtschaftlichen Daten, die die Ökonomen der Firma auf Trends hin untersuchen. Der wertvollste Aktivposten der Firma ist Greenspan selbst. Zugang zu ihm und zu seinen Kontakten zu haben, ist vielen Konzernen das Honorar wert.

Den Stolz auf seinen Erfolg verbirgt Greenspan nicht. Aber mit 61 Jahren ist er noch immer ehrgeizig – und immer in Eile. In seiner Jugend hatte er Musiker werden wollen. Er studierte zwei Jahre an der bekannten Juilliard-Musikschule in New York, und eine Zeit lang spielte er Klarinette und Saxophon in einer Swing-Band. Nach der Lektüre einiger Ökonomie-Bücher gab er jedoch den Traum von einer Musiker-Karriere auf und begann mit dem Studium der Volkswirtschaft. Einer seiner Professoren war Arthur Burns, der später ebenfalls Chef der US-Zentralbank wurde.

Es waren Zahlen, Statistiken, die Greenspan faszinierten. Diese Neigung zum „Zahlenfetischismus“ hat ihm bei seiner Karriere sehr geholfen. In mühsamer Kleinarbeit fand er beispielsweise in den sechziger Jahren heraus, daß die Regierung Johnson einen Teil der Ausgaben für den Vietnamkrieg in den Budgets ziviler Ressorts versteckt hatte. Mit seiner Liebe zum Detail gelang es Greenspan, in Washington Aufmerksamkeit zu erregen. Die Enthüllung des Budgetschwindels offenbarte auch seine innere Widersprüchlichkeit: Einerseits möchte er ins Studierzimmer flüchten, um die chaotische Welt durch „objektive“ Datenreihen und Zahlenkolonnen zu interpretieren. Andererseits treibt ihn sein brennender Ehrgeiz, sich in dieser Welt einen Namen zu machen.