Bücher stammen von Büchern ab. Mit dem gleichen Personal wie Hamsun 1894 seine Erzählung „Pan“, hat Knut Faldbakken 1985 den Roman „Glahn“ besetzt. Die Geschichte, die ursprünglich im Jahr 1855 spielt, wird aus den nordischen Wäldern ins „Dickicht der Städte“ geholt, ins Oslo von heute. Hier wie dort der abgemusterte Leutnant im Taumel der Freiheit – oder was er dafür hält. Glahn hat nichts dazugelernt, trotzig provoziert er den eigenen Tod, wie um andere hereinzulegen. Faldbakken webt das alte Muster bündiger. Nicht mehr zum Zeitvertreib in der Waldhütte, sondern auf Wunsch seines Psychiaters in der Anstalt, schreibt Glahn seine Geschichte. Und er läßt sich nicht mehr von irgendwem erschießen, sondern er wählt für diesen Dienst den von ihm am vielfältigsten hintergangenen Partner aus.

Die klassische Beziehung zwischen Glahn und Eduarda gilt immer noch als wunderbare Liebesgeschichte, wenn nicht als die schönste der norwegischen Literatur. Hamsuns Eduards schickte ihrem neurotischen Verehrer zum Abschied zwei bunte Vogelfedern, Faldbakkens Eduarda schickt ihm Hamsuns „Pan“ ins Sanatorium (Autor und Titel werden nicht ausdrücklich genannt), denn „einiges darin hat mich an uns denken lassen“. Obendrein sei das „eine schöne Geschichte“. Ein Wink für den Leser und eine spöttische Verbeugung vor dem Vorgänger. Immer wieder wörtliche Hamsun-Zitate, kursiv hervorgehoben.

Faldbakken will sicher gehen, daß seine Leser nicht heimlich mit Glahn sympathisieren, darum wird dem Helden immer wieder die Meinung gesagt. Der Psychiater findet Symptome eines „negativen Selbstbildes“. Er dient auch als Literaturkritiker, wenn er seine Meinung über Hamsuns „Pan“ sagt, als er das Büchlein auf dem Nachttisch seines Patienten liegen sieht: „Typisch romantische Dichtung aus dem letzten Jahrhundert.“ Der Autor sei ein „Meister in der Kunst der verbalen Verführung“ gewesen, ein „genialer Lügner“.

Neunzig Jahre nach „Pan“: entsprechend freizügig schreibt Faldbakken. Beim tragischen Finale der Hamsun-Paraphrase allerdings wird es gar zu orgiastisch und orgastisch.

„Ehrlich und intim“, das ist Faldbakkens Devise. Neun Romane hat der heute Sechsundvierzigjährige geschrieben, und einen Band Kurzgeschichten. Internationale Beachtung genießt er seit Mitte der siebziger Jahre, seit dem Roman „Unjahre“, der Geschichte von Außenseitern, die im Müll einer dem Untergang geweihten Metropole ein erschreckend „einfaches“ Leben führen.

Sein Handwerk hat Faldbakken als Journalist gelernt, er hat Psychologie studiert, als Seemann die halbe Welt kennengelernt. Dann beschloß er, Schriftsteller zu werden, in Paris. Das war 1965. Zehn Jahre blieb er im Ausland. Seine beiden Söhne kamen in England und Deutschland zur Welt. Ihretwegen kehrte er nach Norwegen zurück.

„Wie die Norweger ihre Klassiker schützen, hat mich immer irritiert“, sagt Faldbakken. Drei Jahre lang habe er sich mit Hamsun auseinandersetzen müssen. „Meine schwerste Arbeit bisher. Der Alte hat auf meinem Rücken gesessen.“ Nun ist er die Last los. Hans Daiber