Fremdenverkehrs-Gebiete mit Tradition lassen gewöhnlich keine Gelegenheit zum Feiern aus. Anders Tirols Fremdenverkehrs-Verband, der jetzt hundert Jahre seines Amtes waltet: Er schwimmt auf Zeitgeist-Wellen, und er meditiert.

Mit vollendeter Diskretion wartet der Verein im Jubeljahr nur mit einer schmalen Broschüre auf. Sie trägt den Titel: „Licht und Schatten. Geschichten zum Nachdenken über den Tiroler Fremdenverkehr.“ Damit wollen die Tourismus-Strategen das „Fremdenverkehrsbewußtsein“ im Land Tirol heben und stärken.

Mutig, so scheint es auf den ersten Blick, schreitet die Funktionärs-Broschüre zur Selbstkritik, schlägt Töne an, die an Radikalitäteinem Fundi-Pamphlet nicht nachstehen: „Die Autobahnen sind nicht genug. Auch für die Ski-Autobahnen wird Wald gerodet. Hektarweise. Der nackte Fels bricht durch Grasnarben.“ Und weiter: „Tirol als riesiges Wirtshaus mit angeschlossenem Musikantenstadel. So wünscht sich der Fremde sein Urlaubsland. Und das hat der Tiroler aus seinem Land gemacht.“ Düsternis verbreitet die „Schatten“-Bilanz: „Nun ist der Teufel los. Ankünfte, Abreisen, Bettzeugwechsel, Buckeln und freundliche Mienen. Wir sind ein Volk von Untertanen geworden.“

Erstaunlich, welch geballte Ladung Tourismus-Schelte da plötzlich – hochoffiziell abgesegnet – aufs „Land!“ und seine Leut’ herunterdonnert. Jahrzehntelang nämlich wurden alle Streiter wider die Verschandelung Tirols als lästige Spinner und Neidhammel abgetan.

Harsche Worte allein machen indessen noch keine Wende. Mehr als ein kokett simuliertes Pirouettchen hat der Innsbrucker Amtsschimmel mit dem Besinnungs-Büchlein leider nicht „verpackt“. Denn es gibt ja auch noch ein ominöses „Licht“-Kapitel. Allein an Umfang übertrifft es das Sündenregister beträchtlich.

Die ebenso arbeitswütigen wie geschäftstüchtigen Gebirgler sind nun einmal die produktivsten Gastgeber der Alpenrepublik: Im vergangenen Jahr haben die Tiroler die Hälfte der österreichischen Tourismus-Devisen erwirtschaftet. Schier endlos demnach das Register der Segnungen, die Tirol seiner Melkkuh Nummer eins zu verdanken hat.

Trotzdem: Die Leistungsbilanz lehrt eher das Fürchten denn uneingeschränkte Bewunderung. 600 000 Einheimische beherbergen sechseinhalb Millionen Gäste pro Jahr – läßt sich solcher Fließbandbetrieb tatsächlich als himmlischer Zustand preisen?