Erst markierten nur Spanische Reiter und Drahtverhaue den Trennstrich, aber dann rückten schon bald die Baukompanien an und zogen hoch, was Berlin bis heute zerschneidet: die Mauer. Sie steht jetzt 26 Jahre, häßlich wie am ersten Tag, ein Stein gewordenes Zeugnis fortdauernder deutscher Abnormalität. Und solange sie steht, werden die Steine das gleiche reden: daß Europas Mitte ihren Frieden noch nicht gefunden hat.

Niemand kann uns verwehren, dies immer wieder zu sagen – auch zu Erich Honecker, wenn er demnächst auf Besuch kommt. Aber Entrüstung allein ist keine Politik. Die Mauer und die Sperranlagen entlang der Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten werden nicht fallen wie weiland die Wälle von Jericho – „als das Volk den Hall der Posaunen hörte, erhob es ein großes Kriegsgeschrei, da fiel die Mauer um“. Ihre Beseitigung wird nicht am Anfang der weiteren deutsch-deutschen Normalisierung stehen, sondern nur an deren Ende. Die Ziele sind klar: Entbrutalisierung der Grenzen, die Deutschland zerschneiden; Durchlässigmachen der Mauer; Schaffung eines zivilisierten Zustandes, der dem an normalen europäischen Grenzlinien entspricht. Das Unterfangen ist nicht zum Scheitern verurteilt. Die steigende Zahl der Besucher aus der DDR zeigt, daß sich vieles bewegt, was noch vor fünf Jahren hoffnungslos betoniert erschien. Aufgabe der Politik ist es, noch mehr Lockerung zu bewirken. Die ohnmächtige Bekundung der Emotionen muß dahinter zurückstehen. Th. S.