Dem Libyer Ghaddafi, seinem Erzfeind, hat der tschadische Machthaber Habré eine weitere Lektion erteilt: Seine Wüstenkrieger vertrieben die libyschen Besatzungstruppen aus dem Aozou-Streifen.

Alle rieten ihm zur Vorsicht, namentlich die Schutzmacht Frankreich und die Organisation der Afrikanischen Einheit (OAU). Doch wie gewohnt, schlug der wagemutige Hissein Habré zu. Am vergangenen Samstag stürmten die Tschader die kleine Oase von Aozou, dem Hauptort des menschenleeren Aozou-Streifens längs der Grenze zwischen Tschad und sammenhängt, in dem man bis heute durch wahnwitzige revanchistische Losungen die Stimmen realistisch denkender Politiker, Persönlichkeiten des gesellschaftlichen Lebens und ganzer Bewegungen zu ersticken versucht, die für verantwortungsvolles Handeln in den eu-Libyen. Die libyschen Verbände, die schon im Frühjahr ein Debakel nach dem anderen erlitten hatten, wurden in die Flucht geschlagen.

Ghaddafi blieb mitten in der Regenzeit nichts anderes übrig, als sich mit der eher symbolischen Bombardierung nordtschadischer Ortschaften zu „rächen“. Es scheint ausgeschlossen, daß das libysche Heer Aozou zurückerobert. In den umliegenden Bergen haben die tschadischen Wüstensöhne, die jeden Winkel kennen und den mediterranen Soldaten Ghaddafis weit überlegen sind, Munitions- und Nahrungsmittellager angelegt.

Den Libyern bleibt lediglich 70 Kilometer nördlich ein Luftwaffen-Stützpunkt, dessen Startbahn quer über der libysch-tschadischen Grenze angelegt wurde. Sonst hat der libysche Obrist im Tschad nichts mehr zu bestellen.

Der tausend Kilometer lange, rund hundert Kilometer breite Aozou-Streifen, etwas größer als die DDR, ist eine bergige Einöde. Obwohl kaum prospektiert worden ist, vermuten die Tschader dort Uran-, Mangan- und Erdölvorkommen. 1973 besetzte Ghaddafi den Streifen; 1980 annektierte er ihn und berief sich dabei auf ein am 7. Januar 1935 geschlossenes Abkommen zwischen den Kolonialmächten Frankreich und Italien. Der damalige französische Außenminister (und spätere Ministerpräsident unter Marschall Pétain), Pierre Laval, hatte den Aozou-Streifen abgetreten, um noch vor der Bildung der Achse Berlin-Rom Mussolini einen Gefallen zu erweisen und ihn auf Frankreichs Seite hinüberzuziehen.

So besteht kein Zweifel, daß der Aozou-Streifen tschadisches Staatsgebiet ist. In Afrika ist es ein heiliger, in der Charta der OAU festgeschriebener Grundsatz, daß die alten Kolonialgrenzen unantastbar sind. Die Libyer behaupten indes, daß 1973 der damalige tschadische Präsident François Tombalbaye den Aozou-Streifen heimlich an Libyen verkauft habe. Aber Ghaddafi konnte nie ein Schriftstück vorweisen. Den libyschen Einmarsch hatte Tombalbaye allerdings ohne großen Protest hingenommen, weil ihn Ghaddafi mit wundersamen Versprechen eingelullt hatte: Er werde eine geteerte Straße vom Tschad bis an die Mittelmeerküste bauen und dem Binnenland einen Zollfreihafen in Bengazi zur Verfügung stellen.

Jetzt fanden die Franzosen keinen Gefallen in Habrés ungestümem Befreiungskampf bis zum äußersten. Paris wollte eine weitere Demütigung Ghaddafis verhindern, weil es fürchtet, daß der unberechenbare Diktator durch völlig moskauhörige Offiziere abgelöst wird. Zudem stört Habré mit seinem Angriff auf einen arabischen Staat Frankreichs (etwas illusionäre) politique arabe. Auf keinen Fall will man in eine direkte Konfrontation mit Libyen verwickelt verden. Obendrein möchten die Franzosen zum Zeitpunkt, da ihre Kriegsflotte am Golf aufkreuzt, nicht als Kriegstreiber erscheinen.