Von Robert Leicht

Nie zuvor hat eine Bonner Regierung sich einen derart wilden Streit in den eigenen Reihen erlaubt wie die Regierung Kohl im verregneten Sommerloch 1987. Gewiß, das Ende der Regierung Schmidt/Genscher war von tiefen politischen Differenzen geprägt. Doch nicht einmal in der deprimierenden Schlußphase der sozialliberalen Koalition hätten Kabinettsmitglieder und Parteiführer es gewagt, sich derart rüde anzupöbeln. Der Herbst kann eisig werden.

Dieser Streit der Unionsfeinde wirkt abstoßend und aufschlußreich zugleich: abstoßend, weil es doch angeblich um nichts als die Menschenrechte geht – aufschlußreich, weil am Zustand der Union die Konstanten im Politikverständnis des Kanzlers deutlich werden. Nach Helmut Kohls Ansicht ist ja die CDU seit jeher die Volkspartei der Mitte, in der sich alle braven Wähler finden können; und wer von denen es nicht kann, hat ja immer noch die CSU und die FDP. Die CDU macht per Fernwirkung in Bayern die Christlich-Sozialen zur Mitte hin respektabel, und im Rest der Republik wählen auch jene die CDU, die eigentlich auf Strauß schwören. Im übrigen dient die FDP dazu, den Einfluß von Franz Josef Strauß in Grenzen zu halten und das Stimmenreservoir zur Mehrheit aufzurunden.

Auf solche Weise ist Kohl nach vielen Jahren und ungezählten Demütigungen schließlich Kanzler geworden. Weshalb sollte er nun geneigt sein, von diesem Weltbild abzulassen? Sein spätes Machtwort vom Wolfgangsee – der Streit sei unsinnig, wirklichkeitsfremd und überflüssig – wirkt wie die jüngste Wiederholung seines alten Leitmotivs.

Doch seit er sein Liedlein singt, gibt es dazu den Kontrapunkt aus der CDU-Parteizentrale. Während Kohls Strategie und Naturell von Anfang an auf ein flaches Profil angelegt waren (allen wohl und keinem wehe), drängten seine Generalsekretäre – erst Biedenkopf, nun Geißler – stets darauf, die CDU müsse als Partei Flagge zeigen, offen im doppelten Sinne, aufgeschlossen und bestimmt zugleich. Doch Kohl hielt es, ähnlich wie Willy Brandt, mit einem kräftigen Sowohl-Alsauch. Schließlich sollte er die Liberalen locken und zugleich den bayerischen Leu bei Laune halten – obwohl andererseits gerade dessen Gebrüll die FDP jedesmal beim Wähler in Erinnerung brachte.

Geißlers Öffnungsstrategie, die Kohl jetzt kaum weniger getadelt hat als die blanken Zynismen des CSU-Vorsitzenden, wirkt auf den ersten Blick plausibel, auf den zweiten widersprüchlich. Sicherlich darf die Union die Wähler der Mitte und die neuen sozialen Milieus nicht aus dem Auge lassen. Aber vorerst bleiben der Union mehr rechte und traditionelle Wähler weg, als sie aus neuen Schichten zusätzlich anwerben könnte. Diese Widersprüche weichen erst auf den dritten Blick wieder. Geißler tut zwar so, als gehe es ihm nur darum, die enttäuschten Schmidt-Wähler zur CDU herüberzuziehen. In Wahrheit aber muß er – ohne es auch nur andeuten zu dürfen – bereits an das Erbe der Ära Strauß/Kohl/Genscher denken.

Wenn Strauß einmal abtritt (er fürchtet in Torschlußpanik ja schon öffentlich um sein Lebenswerk), wird uns seine Doppelnatur als Integrator und Polarisierer zugleich erst richtig deutlich werden. Zum einen wird ohne ihn der rechte Rand der Union noch schwerer zu halten sein als jetzt schon, zum anderen verblaßt dann die Funktion der FDP im bürgerlichen Lager rapide, die doch fast ausschließlich von zwei Personen abhängt: vom Nein zu Strauß und vom Ja zu Genscher. Ob aber ein Kanzler Kohl sich eines Tages auf ein politisches Leben ohne seine beiden Flügeladjutanten Strauß und Genscher umstellen könnte, ist mehr als fraglich. Anders als mit solch weitgespannten Kalkulationen läßt sich Geißlers selbstbewußtes und stures Auftreten kaum erklären: Des Kanzlers politischer Kosmos kommt in die Jahre.