Von Jörn Kraft

Das Leichte, das so schwer zu machen geht, hat Konjunktur und will von Sättigung noch lange nichts wissen. Die Umstände sind ihm günstig: viel freie Zeit und viel lockeres Geld auf seiten der Abnehmer, viel Technik und Marketing auf seiten der Anbieter. Die Kultur der Gegenwart gibt sich unterhaltsam, wie sie sich zu früheren Zeiten religiös oder lehrhaft gegeben hat.

Nahezu alles, was sich neue Leser, Hörer oder Seher sucht, möchte unterhalten. Privates Fernsehen, lokaler Rundfunk, neue Zeitschriften, Video- und Tonkassetten – alle setzen auf das Leichte. Nimmt man den Buchmarkt hinzu, die Werbung, Comics und Computerspiele, dann möchte man feststellen: Für Unterhaltung ist reichlich gesorgt.

Zu vergleichender Betrachtung bietet sich ein ganz anderer Markt an, auf dem es aber just so zugeht: Essen und Trinken entwickeln sich weg von den Notwendigkeiten hin zu einem lässigen Gelegenheitskonsum. Wo einstmals "Lebensmittel" gehandelt wurden, präsentiert sich heute ein unabsehbares Sortiment bunter Spezialitäten. Was da andrängt in tausendfältiger Mischung, ist nicht bloß eßbar und trinkbar, es ist – unterhaltsam. Der nahrhafte Kern der Artikel ist wenig geworden gegen den Reichtum der Ausstattung. Die vielen kleinen Markenkunstwerke – snick und snack und fix und mix – zeugen weit mehr vom Witz der Produktmanager als vom Wert der Naturalien. Denen gelingt es, den Habitus der leckeren Kleinigkeiten auf jedwedes Nahrungsmittel zu übertragen, für eine Eßkultur des Zwischendurch und Nebenbei. Nudeln, Fertigsuppen und Bratensoße wollen nicht nur schmecken, sondern Stimmung machen. Das Speisefett will seine Show haben wie der Champagner. Am Ende werden es nur noch die Kartoffeln sein, die immer noch so dumm und dreckig im Laden liegen, wie sie aus der Erde gekommen sind.

Ganz klar, sagen die Produktmanager, wenn überhaupt noch etwas ankommt auf den vollgedrängten Märkten, dann ist es das Lecker-Locker-Leichte. Je satter die Kundschaft wird, desto unerheblicher muß das sein, was man ihr dennoch verkaufen will.

Ganz klar, sagen die Programmacher, wenn überhaupt noch etwas ankommt im Gedränge der Kanäle und Titel, dann ist es das Lecker-Locker-Leichte. Den Hunger auf Brot und Kartoffeln sehen sie als gesättigt an, den Appetit auf Hübsches zum Knabbern halten sie für unstillbar. Gleich ihren Kollegen von der Food-Branche suchen sie den Erfolg mit snick und snack und fix und mix. "Auflockern" heißt die erste Arbeitsanweisung.

Kritik daran fällt nicht schwer. Sie braucht bloß auf überkommene Vorbehalte zurückzugreifen. Solche, die gerne von "Wert", "Geschmack" und "Niveau" sprechen und das Unterhaltsame nur schlechten Gewissens zugestehen. Die alte Kulturgemeinde straft das Lecker-Locker-Leichte am liebsten durch Nichtachtung. Eine Nichtachtung, die dessen Vertreter freudig erwidern. Bildungshochmut ist ihnen recht. Gestattet er doch, Kritik an ihren Übertreibungen einem Kulturpessimismus zuzurechnen, der noch nie für Mehrheiten gesprochen hat. Ungerührt wirft die Branche eine zwölfte, noch dümmere Frauenzeitschrift auf den Markt und nimmt zu den drittklassigen noch die viertklassigen amerikanischen Spielfilme ins Fernsehprogramm.