Norbert Blüms Engagement für chilenische Todeskandidaten spaltet die Regierung

Von Christiane Grefe und Joachim Riedl

Vor kurzem noch wäre auch der kleine Saal zu groß gewesen. Es wäre der Korrespondent der taz erschienen, jemand vom Evangelischen Pressedienst, vielleicht die Frankfurter Rundschau. Jetzt reichen selbst im Raum der Bundespressekonferenz die Stühle kaum aus. Nach wochenlanger Fortsetzung des Politikerstreits in der Bonner Koalition, ob 14 von der Todesstrafe bedrohten Chilenen Asyl gewährt werden soll, endlich ein neuer Reiz: echte Chilenen.

Knipsgewitter der Photographen in ernste, unbewegliche Gesichter. Müde von einer langen Reise gehen fünf Frauen, zwei Männer und zwei Kinder nach vorn, setzen sich hinter die Mikrophone. Ruhig und konzentriert sprechen die Angehörigen von sechs der 14 Todeskandidaten in chilenischen Gefängnissen. Sie appellieren an die Bundesregierung, ihrem Bruder, ihrer Schwester, ihrem Mann, Sohn, Freund politisches Asyl zu gewähren: „Es sind Oppositionelle – keine Verbrecher“.

Zwei Stunden lang Fragen und Antworten über Folter und Willkür unter dem Militärregime. Jorge Radrigan hat sie selbst erlitten, genau wie Silvia Aedo, die Lebensgefährtin des in erster Instanz zum Tode verurteilten Hugo Marchant.

Man quälte sie mit Elektroschocks, vor den Augen ihrer Kinder. Man drohte ihnen mit dem Tod. Man log ihnen den Tod ihrer gleichzeitig verhafteten und gefolterten Lieben vor. Sie hörten deren Schreie. Man stieß ihnen Maschinengewehrläufe in den Bauch. Man zwang sie so, Blankogeständnisse zu unterschreiben.

In Jorge Radrigans rundes, weiches Gesicht ist Verbitterung tief eingegraben. „Das Erleben der Folter zu vermitteln ist schwer“, sagt er. „Es ist, als wäre man schon einmal gestorben.“ Die Stimme der Übersetzerin ist schneidend neutral. Plötzlich, mitten im Bonner Presse-Ritual, wird die Oberfläche einer unvorstellbaren Realität, werden Angst und Terror spürbar.