Die Geschichte paßt so richtig in die Ferienzeit. Da mußte ein Richter am Oberlandesgericht Frankfurt entscheiden, ob Schuhe zum Reisebedarf gehören oder nicht. Nein, befand er im Namen des Volkes, Schuhzeug gehört nicht in die Rubrik von Artikeln „zur Versorgung von Reisenden mit Waren des täglichen Ge- und Verbrauchs“. Und das hat zur Folge, daß es ab sofort am Flughafen Rhein-Main nach 18.30 Uhr zwar noch Zeitungen, Rasierwasser oder Schokoladenwaffeln zu kaufen gibt – aber eben keine Schuhe.

Der Richter blieb die Antwort auf die Frage schuldig, wozu Schuhe eigentlich nützen, wenn nicht zum täglichen Gebrauch. Gleichzeitig lieferte er aber einen der mittlerweile zahlreichen absurden Beiträge zur Diskussion um das Ladenschlußgesetz. Über dreißig Jahre ist es alt, und längst ist es zum Dogma erstarrt. Man glaubt daran oder nicht. Wer allerdings daran zu rühren wagt, sollte sich vorsehen: An einem Dogma vergreift sich niemand ungescholten.

Was mag sich der CDU-Abgeordnete Jochen Feilcke bloß gedacht haben, als er die Forderung „Weg mit dem Ladenschlußgesetz!“ in die Welt setzte, weiß doch sein Fraktionskollege Hansjürgen Doss, daß für längere Öffnungszeiten „nur bei einer geringen Zahl von Verbrauchern ein Bedarf“ besteht. Und erst die Hamburger SPD! Sie will zulassen, daß in der Hansestadt ein verkaufsoffener Abend im Vierteljahr eingerichtet wird, was für die Genossen im Rest der Republik ein Schlag gegen die Interessen der Arbeitnehmer ist.

Auch in Berlin werden die geltenden Vorschriften geradezu unsozial ausgelegt. Da dürfen während der Zeit der 750-Jahr-Feier, also zwischen Mai und September, die Einzelhandelsbetriebe an zwölf Freitagen bis 21 Uhr öffnen. Etwa 150 Geschäfte im City-Bereich machen von dieser Möglichkeit Gebrauch, und kein aufrechter Mensch wird daran zweifeln, daß dahinter pures Gewinnstreben durch Ausbeutung der Angestellten steht.

So sehen es jedenfalls die Funktionäre. Die Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV) hat vor der Sommerpause wissen lassen, daß sie mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln gegen Spätöffnungszeiten kämpfen werde. In Hamburg ist die HBV bereits auf den Barrikaden und verkündet selbstbewußt: „Entgegen der Ankündigung der Koalitionsparteien wird es nicht dazu kommen, daß die Läden und Kaufhäuser an vier Abenden im Jahr geöffnet haben werden.“

Wenn man bedenkt, daß die Bundesregierung (gegen Widerstand in den eigenen Reihen) einen wöchentlichen Dienstleistungsabend versprochen hat, an dem neben Lebensmittelläden und anderen Einzelhandelsgeschäften zum Beispiel auch Banken und Behörden bis neun Uhr offen bleiben sollen, dann wird klar, daß da einiges auf uns zukommt.

Nicht auszudenken wären die Folgen, wenn die Gewerkschaften ihre Argumente gar zu Ende dächten. Wie ist eigentlich zu rechtfertigen, daß ein Zugschaffner sonntags arbeitet, während seine Nachbarn das Wochenende genießen? Warum macht eine Krankenschwester Nachtdienst, wenn die Kollegen schlafen? Warum muß das Personal in Kinos oder Gaststätten bis in die Puppen arbeiten, da sich Kultur- und Nahrungsaufnahme auch auf die schnelle nach Büroschluß organisieren ließen?

Hoffentlich hat sich der eine oder andere Verfechter eines rigiden Ladenschlusses in seinem Urlaub ins Ausland verirrt. Vielleicht ist er dabei eines Abends in einen Tante-Emma-Laden oder eines Sonntagmorgens auf einen Markt geraten. Wenn er dann wenigstens im Urlaub nicht wie ein Funktionär reagiert, müßte er eigentlich erkannt haben, wieviel Lebensqualität uns hierzulande mit dem Ladenschlußgesetz kaputtgemacht worden ist. Klaus-Peter Schmid