Es ist ein Vorurteil, daß ein Buch, das in Amerika zu einem Bestseller wird, ein niveauloses Buch sein muß. Der Roman „Garp und wie er die Welt sah“ von John Irving wurde seit 1978 fast vier Millionen Mal verkauft – ein Kultbuch, das den 1942 geborenen Autor, der zuvor schon drei Romane verfaßt hatte, mit einem Schlag bekannt machte. Schon ein Jahr später lag die deutsche Übersetzung vor, doch interessierte sich bei uns niemand dafür. Das scheint sich seit einiger Zeit zu ändern; der Film könnte eine kleine Lawine auslösen.

George Roy Hill, der Regisseur (von ihm stammen die Filme „Butch Cassidy und Sundance Kid“ und „Der Clou“), und sein Drehbuchautor Steve Tesich haben gute Arbeit geleistet – übrigens schon vor geraumer Zeit: Der Film lief 1982 in den Vereinigten Staaten an, noch vor der Kinofassung des anderen Irving-Erfolgstitels „Das Hotel New Hampshire“, die bereits bei uns zu sehen war. Hill und Tesich haben sich nicht gescheut, die schier unüberschaubaren Handlungsfäden und Motivstränge von „Garp“ neu zu bündeln und anders zu verknoten – gelegentlich sogar gewitzter noch als im Roman.

„Garp“ ist ein vertracktes Buch: Kaum in einem anderen Werk der Gegenwartsliteratur liegen das Grelle und Sentimentale, das Pathetische und Saloppe, das Lachhafte und Entsetzliche so dicht beieinander wie hier. Die Handlung ist eher banal und könnte geradezu deutscher Germanistenprosa entsprungen sein, besitzt jedenfalls für sich genommen keinerlei Bestsellerqualitäten: Im Mittelpunkt steht ein Schriftsteller, der gern Erfolg haben möchte und ihn schließlich auch hat (wie Irving mit „Garp“ – eine self-fulfilling prophecy.) Wie aber diese Geschichte erzählt wird, mit welcher Akribie und Lakonie, wie sie mit Nebenfiguren belebt und mit Überraschungen gesegnet ist, das macht den Roman zu einem der aufregendsten der vergangenen zehn Jahre. Irving schreibt einen traditionellen Stil, ohne doch etwas von den Erschütterungen der Gegenwart zu verdrängen.

Der Film konzentriert sich auf vier Figuren und macht selbst in dieser klugen Beschränkung deutlich, daß es der Romancier Irving im altmodischen Sinn versteht, Charaktere zu schaffen: Garp, der sich zweifach für diese Welt zu wappnen versucht, mit der Erschütterbarkeit des Schriftstellers und der Unerschrockenheit des Ringers, gespielt von Robin Williams (und mit ihm nicht unbedingt ideal besetzt); Helen (Mary Beth Hurt), seine Frau, die zwei Söhne zur Welt bringt und später, nachdem der eine von ihnen bei einem makabren, gleich von beiden Eltern verschuldeten Autounfall ums Leben gekommen ist, noch eine Tochter; Roberta, Freundin der Familie und besonders der Kinder, einst – vor der Geschlechtsumwandlung – ein bekannter Sportler und nun eine Frau, die mit der Liebe viel Kummer hat (eindrucksvoll: John Lithgow); schließlich Jenny (wunderbar: Glenn Close), Garps Mutter, die ihren Sohn festhalten möchte und ihm, als er doch eigene Wege geht, mehrfach die Schau stiehlt, unter anderem mit ihrer Autobiographie, die den Titel „Eine sexuell Verdächtige“ trägt und mehr Erfolg hat als alle Bücher Garps zusammengenommen.

Für sexuell verdächtig hält sich Jenny, weil sie die männliche Wollust verabscheut, schon 1943, zur Zeit von Garps Zeugung. Sie hat sich, damals Krankenschwester, von einem schwerverletzten Soldaten schwängern lassen – kurz vor dessen Tod und ohne dessen Wissen. Fast eine unbefleckte Empfängnis ist das, und wie die Jungfrau Maria geht Jenny auch durchs Leben. Daß sie mit ihrer Lebensbeichte auf das Interesse der jungen Feministinnen treffen würde, konnte sie nicht voraussehen. Nun wird sie zu einer Göttin der Männerfeindschaft und muß am Ende dafür bezahlen – wie paradoxerweise auch ihr Sohn. Beide fallen Attentaten zum Opfer: Amerika ist kein Hort der Geborgenheit.

Der Romancier John Irving, der selbst Ringer ist (er schulte persönlich den Hauptdarsteller und ist im Film bei einer Ringerszene als Schiedsrichter zu sehen), setzt entschieden auf Effekte und wagemutige Würfe; die Filmemacher können da nur hinterherstolpern. Die innere Balance des Sechshundert-Seiten-Romans läßt sich in gut zwei Stunden nicht nachzeichnen; auch eines der großen Themen der Vorlage geht unter: wie Realität sich in Fiktion wandelt und Phantasie Realitäten schafft.

Trotzdem: ein wackerer Film, zum Lachen tröstlich, zum Heulen traurig. Selbst jener Auffahrunfall, bei dem ein Sohn von Garp sein Leben, der andere ein Auge verliert und bei dem im selben Augenblick der Liebhaber von Garps Frau durch deren Zähne an delikater Stelle amputiert wird, ist meisterhaft dezent in Szene gesetzt. Diese schockierende Episode ist bezeichnend für Irvings literarische Könnerschaft: Eine schier ungeheuerliche Zuspitzung, die dramaturgisch von langer Hand vorbereitet ist und in einer atemlosen Stille nachhallt.