Von Weihnachten, das immer näher ist, als man denkt, wollen wir nicht reden, aber einen Wunschzettel können wir schon mal aufschreiben, einen Wunschzettel an die Adresse des neuen Senators für Kultur und Wissenschaft der Freien und Hansestadt Hamburg. Zu den gewaltigen Ergebnissen der Koalitionsvereinbarungen zwischen SPD und FDP gehört nämlich, daß Ingo von Münch, dessen heldenhafter Kampf für vier verkaufsoffene Abende (im Jahr!) eine unvergeßliche kulturelle Tat bleiben wird, voraussichtlich die bisher von Helga Schuchardt verwaltete Kulturbehörde übernimmt.

Was also wollen wir von dem neuen Mann? Die Antwort ist einfach: Wir wollen alles. Die Staatstheater sollen ebenso gefördert werden wie die freien Theatergruppen, die Staatsoper ebenso wie die alternativen Musikzentren, die alten Museen ebenso wie die jungen Künstler und Galerien. Natürlich muß das Sommertheater in der Kampnagelfabrik erhalten bleiben. Versteht sich, daß die neue Kunsthalle gebaut und ihr Etat prächtig erhöht wird. Keine Frage, daß dem Literaturhaus jede erdenkliche Hilfe zuteil wird. Selbstverständlich muß der darniederliegenden Hamburger Kinolandschaft aufgeholfen werden. Und natürlich ist das alles viel zu wenig.

Da man in Hamburg unrealistisch ist, wenn man das Mögliche verlangt, muß man realistisch sein und das Unmögliche fordern. Gefahrlos könnte man den Hamburger Kulturetat (jetzt 1,9 Prozent des Haushalts) verdoppeln, ohne daß dadurch der Eindruck entstünde, es werde unangemessen viel für die Kultur getan. Standortpolitik nennt Klaus von Dohnanyi seinen Versuch, das „Hoch im Norden“ verlockend zu machen. Das Wetter kann man nicht ändern, wohl aber die Kultur. Denn still und stolz ruhet die Stadt, genügsam freut sie sich längst vergangener Taten und poliert die Messingschilder. Es gibt viel zu tun, Herr von Münch.

Kein Wort über Frau Schuchardt? Nun, da wir sie los sind, kann man zugeben, daß sie sich rechtschaffen geschlagen hat, sich in den notorischen Theaterkatastrophen mit Rudolph und Zadek (von der Dauerkrise der Oper nicht zu reden) keineswegs schlechter behauptet hat als ihr Vorgänger. Jemand aber, der die kulturellen Aktivitäten einer so großen Stadt (der größten nach Berlin) dirigiert, darf der so wenig Inspiration zeigen, so wenig infiziert sein vom schönen Wahnsinn der Künste, so wenig Entdeckerlust und Befeuerungstalent haben wie Frau Schuchardt?

Die große Zeit der charismatischen Kulturdezernenten wie Hilmar Hoffmann in Frankfurt oder Jürgen Kolbe in München oder Hermann Glaser in Nürnberg mag vorbei sein, aber Hamburg hätte einen Wirbelkopf, der sieht und hört und hingeht und anstiftet, dringend nötig. Denn die Stadt, so weltläufig sie tut, ist Provinz. Eine Stadt ohne eine vernünftige Tageszeitung, ohne einen geistigen und kulturellen Mittelpunkt, an dem die disparaten Energien aufeinanderträfen und sich beflügelten. Die Theater: mit sich selbst beschäftigt. Die Museen: kummervoll mit ihrem kümmerlichen Etat ringend. Der Film: Selbstzufriedenheit der Subventionsempfänger. Die Schriftsteller: Vereinsmeierei und kein Podium öffentlicher Auseinandersetzung mit Literatur. Die Universität: abwesend im geistigen Leben. Wir wünschen alles Gute, Herr von Münch.

Einrücken wir den Armen mit so vielen Erwartungen? Anders als die parteilose Helga Schuchardt ist Ingo von Münch Chef der Koalitionspartei, und mit seinem Bürgermeister verbindet ihn nicht nur das „von“, sondern auch jene liberale und bürgerliche Bildung und Kultur, die in Hamburg nicht tot, sondern scheintot ist. Denn Kultur ist nicht bloß Standortpolitik, nicht bloß verkaufsoffener Abend und nicht bloß das Alstervergnügen zum höheren Lobe des Einzelhandels.

Vom neuen Kultursenator kennen wir bislang wenig mehr als die atemlose und heisere Vergnügtheit seiner Stimme, seine Risikofreude und seine Umtriebigkeit. Falsch machen kann er nicht viel, weil in Hamburg auch das falsch Gemachte geht. Aber richtig machen muß er alles.

Danke, Herr von Münch, das wäre es fürs erste. Ulrich Greiner