Von Gabriele Venzky

Als hätte Indiens schwer gebeutelter Premierminister nicht schon genug Probleme, kommt nun zur politischen Existenzbedrohung auch noch die materielle hinzu. Die katastrophale Dürre in seinem Land hat solch bedrohliche Formen angenommen, daß Rajiv Gandhi seinen für Anfang kommender Woche geplanten Besuch in der Bundesrepublik kurzfristig absagte. Es wäre der erste Besuch eines indischen Regierungschefs seit sechzehn Jahren gewesen: 1971 war Indira Gandhi in Bonn gewesen. Seitdem herrschte Funkstille. Dies, aber auch die Art, wie schnell die Visite Rajivs verschoben wurde, ist bezeichnend für das deutsch-indische Verhältnis: Es ist schlecht.

Bonn und Delhi gehen unverbindlich und kühl miteinander um, manchmal fast geringschätzig. Von den Deutschen scheint der indische Premier nicht viel zu erwarten, sonst wäre er trotz allem doch gekommen. Umgekehrt hat deutsche Arroganz nicht nur politisch viel Schaden angerichtet (so war es zum Beispiel für Margaret Thatcher selbstverständlich, zur Einäscherung von Indira Gandhi zu kommen, nicht aber für Helmut Kohl), auch auf wirtschaftlichem Gebiet sind die Chancen so gut wie vertan. Schließlich besteht Indien nicht nur aus Bettlern und Fakiren, sondern es bietet einen riesigen Zukunftsmarkt, den die Konkurrenz aus Amerika, Japan und Frankreich schon weitgehend untereinander aufgeteilt hat.

Die Dürre in Indien freilich ist nicht nur ein Vorwand, um einen lästigen Besuch zu verschieben und die Stellung zu halten in der belagerten Festung Delhi, die das wachsende Heer der Enttäuschten und Unzufriedenen im Sturm zu nehmen versucht. Der verheerende Wassermangel droht tatsächlich endgültig zunichte zu machen, was Rajiv Gandhi seinem Volk versprochen hat: die Hoffnung auf Fortschritt.

Ende Mai hätte der Monsun in Indien einsetzen müssen. Aber er kam verspätet. Im Süden regnete es wenig, in der Mitte und im Norden so gut wie gar nicht. Und als Indien am Wochenende den 40. Jahrestag seiner Unabhängigkeit beging, da war zum Feiern wenig Anlaß. Durst, Hunger, Seuchen und Massenelend – die unseligen Plagen der Vergangenheit – drohen das Land abermals heimzusuchen. Die ersten Hungerrevolten hat es bereits gegeben. Die Industrieproduktion dürfte sinken, denn die Stromausfälle häufen sich, weil die Wasserreservoirs leer sind. Das enorme Haushaltsdefizit der Regierung wird weiter steigen. Wenn es nicht im August und September noch regnet, gibt es eine Katastrophe.

Als Indien unabhängig wurde, war Rajiv Gandhi drei Jahre alt. Sein Großvater Jawaharlal Nehru glaubte damals an die Wunderwaffe Planwirtschaft. Rajiv hält sich an Computer und Technologie. Doch noch immer gilt in Indien das alte Sprichwort: "Der Monsun ist der König über das Schicksal der Menschen." Das Land ist auf Gedeih und Verderb vom Regen abhängig.

Nur knapp ein Drittel der Landwirtschaft verfügt über die Möglichkeit der künstlichen Bewässerung – wenn Wasser da ist. Wie vor hundert Jahren leben und arbeiten drei Viertel der Bevölkerung auf dem Lande, die Landwirtschaft erwirtschaftet ein Drittel des indischen Sozialprodukts. Doch auf dem Lande lebt auch die Mehrheit derjenigen 350 Millionen Inder, die unterhalb der Armutsgrenze dahinvegetieren: die Landlosen, die Saisonarbeiter, die Tagelöhner. In endlosen Trecks ziehen sie seit einem Jahr in die Städte, die aber auch kein Wasser und keine Arbeit für sie haben, gefolgt nun von den kleinen Bauern, deren Boden unter der sengenden Sonne verbrennt.