Von dem Geißbock einmal abgesehen, auf dem Hof des Mayer Johann begegnet der Besucher keinen anderen Tieren als Bullen, Bullen jeglichen Alters. Sie sind das Kapital des größten Bauern in der Umgebung, dessen Hof in Pullach liegt, zwei Kilometer vom Chiemsee entfernt, wo man einen Blick auf die Kampenwand hat und – bei Föhn – auf den Großvenediger. Doch die Idylle trügt: Auch der Mayer Johann steckt mittendrin in dem Streit zwischen Landwirten und Politikern für oder gegen die Europäische Gemeinschaft „SOS – Europa macht uns Bauern kaputt“ – diesen kämpferischen Slogan kann man nahezu an jedem Scheunentor des Chiemgaus lesen.

Darum haben sich einige Bauernfamilien mit dem Fremdenverkehr eine zweite Erwerbsquelle geschaffen. Wie der Bruder des Johann Mayer. Zwar schiebt der noch täglich seinen zweirädrigen Karren mit den Kannen zur großen Buche, an der das Milchauto hält. Doch auch er nimmt im Sommer Gäste auf, vor allem Familien mit Kindern, die in ähnlicher Umgebung Ferien verbringen wollen.

Werner Thusbaß, Bürgermeister von Seebruck, möchte den Touristen jedoch, abgesehen von der Natur, auch noch ein Stück Kultur nahebringen. Stolz ist er auf das Römermuseum, das die Gemeinde Seebruck bis auf weiteres Millionen Mark kosten wird. Immerhin, so der erste Mann der Stadt, werde mit den Exponaten der Beweis erbracht, daß es Seebruck schon vor 2000 Jahren gegeben habe. Damals hieß es „Bedaium“ und hatte als kleine römische Garnisonsstadt die Holzbrücke über die Alz zu bewachen.

Vater dieser Erkenntnis ist gewissermaßen Carl Ostermayer, Ortsheimatpfleger und erster Photograph im Dorf. Er ist es, der gräbt und gräbt und gräbt. Seit Jahrzehnten schon. Dabei hat er Kostbarkeiten zutage gefördert, die, wie er sagt, „höchstens noch in Weißenburg oder in Köln zu sehen sind“. Die jüngsten Sensationen: die überdachten Thermen an der Seepromenade und der Januskopf, der erst im Vorjahr entdeckt wurde und jetzt im Museum zu bestaunen ist, wortgewaltig kommentiert von Heimatpfleger Ostermayer.

Urlauber, die ihr Freizeitvergnügen eher auf dem Wasser suchen, finden am Ort einen bestens ausgestatteten Segelhafen mit mehr als 500 Liegeplätzen, geeignet für Dickschiffe und allerkleinste Jollen. Erfreulich am Rande: Die Ängste sind wieder aus der Welt, die aufgekommen waren, als das „Bayerische Meer“ während Ausbesserungsarbeiten plötzlich auf einen außergewöhnlich niedrigen Wasserstand absank. Damals befürchtete die örtliche Bayernpartei, der See könnte restlos auslaufen oder verdunsten. Damals geriet der Segelhafen in die Schlagzeilen.

Mittlerweile kann sich der Seebrucker Gemeinderat wieder ernstzunehmenden Problemen zuwenden. Zum Beispiel einer vom Bürgermeister vehement geforderten Umgehungsstraße. Sie soll den Verkehr, der gegenwärtig noch über die einzige Hauptstraße von Seebruck braust ein paar hundert Meter außerhalb am Gewerbegebiet der Gemeinde vorbeiführen. „D’ Leit san geteilter Meinung“, sagt der Bürgermeister zu diesem Projekt

Geteilter Meinung waren die Leute allerdings auch schon früher einmal, als man im Jahre 1974 „Am Anger“ eine Siedlung und ein Geschäftszentrum plante, mit einem „Haus des Gastes“, einer Bank und einer Apotheke, dazu, wie üblich, Antiquitäten- und Trachtengeschäfte. So ist inzwischen Neu-Seebruck entstanden; mit Wohnhäusern und Eigentumswohnungen, im neubayerischen Stil zwar, aber schön gelegen, nur ein Steinwurf vom See entfernt, ohne Autolärm und Benzingestank. Alles, was der Urlauber braucht, ist auf kurzen Wegen zu Fuß zu erreichen.