Noch mündet der Optimismus an der Wall Street nicht in einen gefährlichen Kaufrausch

In Wall Street wird der Champagner knapp. Kaum ein Tag vergeht, an dem es im südlichen Manhattan nicht ein neues Rekordhoch zu feiern gibt. Die Hausse an der New Yorker Börse geht nun schon ins sechste Jahr, doch von Ermüdungserscheinungen kann keine Rede sein. Seit August 1982 hat der Dow-Jones-Index mehr als 1900 Punkte zugelegt. Das entspricht einem Plus von rund 245 Prozent. Nur einmal in der abwechslungsreichen Geschichte der Wall Street verlief die Aufwärtsbewegung noch rasanter: Von 1921 bis 1929, als der Index um fast fünfhundert Prozent anstieg. Dieser Rekord kann freilich im gegenwärtigen Hausse-Zyklus noch überboten werden.

Die steil nach oben gerichtete Kurskurve der US-Aktien spiegelt indessen nicht etwa eine boomende amerikanische Konjunktur wider. Getragen wird der eindrucksvolle Aufschwung vielmehr von der enormen Liquidität, über die vor allem institutionelle Anleger verfügen. Das ist auch der Grund dafür, daß weder die Lage am Persischen Golf noch die enttäuschende Entwicklung in der Handelsbilanz die Zuversicht jenseits des Atlantiks dämpfen können. Der amerikanische Aktienmarkt hat inzwischen eine Eigendynamik erreicht, die durchaus noch weitere Kurssteigerungen erwarten läßt. Sobald der jetzt schon übertriebene Optimismus in einen breit angelegten Kaufrausch mündet, ist es an der Zeit, sich von amerikanischen Aktien zu verabschieden. Lehrt doch die Erfahrung, daß jede Hausse in der Euphorie stirbt.

Von einer euphorischen Stimmung sind die acht deutschen Börsen derweil weit entfernt. Zwar gab es in diesem Jahr statt des befürchteten Sommerlochs ein viel bestauntes Sommerhoch. Der historische Gipfel vom April vergangenen Jahres ist jedoch noch lange nicht in Sichtweite gerückt. Im Schnitt haben die heimischen Dividendenwerte gerade das Niveau von Ende 1986 erreicht. Und das auch nur deshalb, weil sich ausländische Anleger im Zuge der kräftigen Dollar-Erholung wieder verstärkt für Aktien „Made in Germany“ interessieren. Die Inländer blieben hingegen ihrem alten Prinzip treu, erst dann auf den Börsenzug zu springen, wenn er schon ein flottes Tempo eingelegt hat. Bleibt nur zu hoffen, daß der Dollar noch einige Zeit stabil ist und das Ausland weiterhin fleißig Kauforders erteilt. Denn mit Trittbrettfahrern ist auch an der Börse kein großes Geschäft zumachen.

Ähnlich wie zur Urlaubszeit fühlen sich dagegen zahlreiche deutsche Anleger zunehmend von Spanien angezogen und fahren damit nicht schlecht. Im bisherigen Jahresverlauf stieg der spanische Aktienindex um gut vierzig Prozent und verhalf der Börse in Madrid dadurch erneut zu einem Spitzenplatz in der internationalen Hitliste. Viele Peseten-Aktien bescherten ihren Besitzern sogar Kursgewinne von mehreren hundert Prozent. Daß die Dividendentitel auf der iberischen Halbinsel so stark gefragt sind, liegt an dem beachtlichen Wirtschaftsaufschwung des neuen Mitglieds der Europäischen Gemeinschaft. Einige Unternehmen konnten ihren Gewinn im ersten Halbjahr 1987 vervielfachen. Zudem rückt die Notenbank langsam von ihrer Politik der hohen Zinsen ab. Da die Börse nun auch von amerikanischen Brokerhäusern entdeckt wird, dürfte sich der Aufwärtstrend noch einige Zeit fortsetzen.

Auch im europäischen Norden löst derzeit ein Rekord den anderen ab. Oslo und Stockholm melden ständig neue Höchststände. Schwedens Börsianer profitierten zuletzt von der Verabschiedung eines neuen Gesetzes, wonach die staatlich verwalteten Treuhandfonds ihre Investitionspalette erheblich erweitern dürfen. Obwohl sich die schwedischen Aktien seit 1980 bereits auf das Siebenfache verteuert haben, kann der Stockholmer Börse ein weiterer Kursschub zugetraut werden.

Zu den wenigen Hartwährungsländern, die gegenwärtig Rekorde melden, zählt neben Japan auch die Schweiz. In der vergangenen Woche erhielt das Geschehen in Zürich neue Nahrung durch die Nachricht, daß sich BBC und die schwedische Asea zum weltweit größten Elektrokonzern zusammenschließen. Die unter dem Namen Asea Brown Boverie firmierende Gesellschaft muß künftig in einem Atemzug mit Unternehmen wie Siemens, Hitachi oder General Electric genannt werden. Neben den Industriewerten erleben besonders die Finanztitel eine Renaissance.