Von Bartholomäus Grill

Mühldorf am Inn

Schau, do wachst scho Gras drüber. Und deswegn hob i den Film g’macht – daß unser Gedächtnis ned genauso zuawachst!" Rainer Ritzel steht am höchsten Punkt eines gewaltigen Gewölbebogens, der in der Nähe des oberbayerischen Dorfes Mettenheim aus dem Nadelwald ragt. Dieses Relikt ist ihm von klein auf vertraut. Freilich wußte er damals, als er es mit seinem Vater beim Schwammerlsuchen entdeckte, noch nicht, daß es sich um die Ruine eines Fabrikbunkers handelte, den die Nazis kurz vor Kriegsende aus dem Boden gestampft hatten. Und es hätten ihm die wenigsten Erwachsenen sagen können oder wollen, daß dabei Hunderte von Zwangsarbeitern zu Tode geschunden wurden. Das seltsame Gelände galt ihm in kindlicher Unschuld als "der Abenteuerspielplatz schlechthin".

Viel später erst sind dem Photosetzer-Lehrling aus Mühldorf am Inn die historischen Zusammenhänge klar geworden, nicht in der Schule allerdings – dort war "diese Geschichte viel zu abstrakt und ungreifbar für mich". Auschwitz, Buchenwald, Dachau waren weit weg. Doch er begann zu ahnen, daß auch in seiner näheren Heimat Unmenschliches geschehen war und hörte nicht auf zu fragen, was es mit diesen unterirdischen Hallen, finsteren Bunkern und unheimlichen Schächten auf sich habe. So stieß er, einem "gänzlich unakademischen, abenteuerlichen und sinnlichen Weg" folgend, auf ein "nicht wegzuleugnendes Stück deutscher Vergangenheit". Wo er als Knirps Räuber und Gendarm gespielt hatte, sollten einst für den "Endsieg" Waffen hergestellt werden. Im Rahmen des "Jägerplans" entwarf die OT-Einsatzgruppe Deutschland IV (Organisation Todt, die nach Reichsminister Todt benannte zentrale NS-Baubehörde) im Frühjahr 1944 eine vierhundert Meter lange, halbunterirdische Produktionsanlage für das Strahlflugzeug Me 262. Prädikat: kriegsentscheidend. Mettenheim lag verkehrsgünstig am Bahnknotenpunkt Mühldorf; von dichten Baumbeständen umgeben, bot die Baustelle optimale Standortbedingungen. Unter dem Decknamen "Weingut I" gingen die Konstrukteure der OT ans Werk, die Bauarbeiten führte der Münchner Ableger der Firma Polenski & Zöllner durch, die Hand- und Spanndienste etwa 10 000 Zwangsarbeiter aus dem KZ Dachau. Die ersten der überwiegend jüdischen Häftlinge wurden im Sommer 1944 zum KZ-Außenkommando Mühldorf transportiert, in die Lager bei Mettenheim, Mittergars und Obertaufkirchen-Thalham gepfercht und von SS-Schergen bewacht.

Diese Details hat Rainer Ritzel in der Mühldorfer Stadtbibliothek erforscht. In der Zeitschrift des örtlichen Heimatbundes Mühlrad hatte Peter Müller, ein Gymnasiallehrer aus dem benachbarten Waldkraiburg, 1981 als erster nach dreieinhalb Jahrzehnten wertvolle Informationen zu diesem NS-Projekt zusammengetragen und aufgeschrieben. "Mich ham hauptsächlich die Einzelschicksale von de unschuidign Häftlinge int’ressiert, die menschliche Seitn", erzählt Rainer. Irgendwann im Frühjahr 1986, er war damals 16 Jahre alt, ist ihm der Einfall gekommen, den furchtbaren Erfahrungen der Sklavenarbeiter filmisch nachzuspüren. Mit 14 hatte er heimlich eine Super-8-Kamera erspart und nacheinander zwei kurze Streifen gedreht. Sie liefen bereits auf einem bundesweiten Schüler-Filmfestival.

Rainer endeckte die billigere Videotechnik für sich; und die neue Idee ging dem nachdenklichen Hauptschüler nicht mehr aus dem Kopf. Er wollte sich nicht als der "große Analysierer aufspielen", sondern einfach ein trauriges Kapitel Heimatgeschichte aus der Sicht der Opfer schildern. Auf dem Weg durch das verfallene Bunkergelände berichtet er von den Widerständen, die zunächst zu überwinden waren. Von Leuten seines Alters werde erwartet, andere Sorgen zu haben, redete man ihm ins Gewissen. "Du bist zu jung, du kannst noch nicht mitreden", hieß es. Oder: "Das muß man doch endlich ruhen lassen." Rainer zeigt auf einen Luftschacht, der in die Tiefe führt. "Bei dem Gedanken, daß i mi do untn in der Holl’ abschinden hätt’ müssn, bei dem Terror im Lager, würd’ mir no heut’ ’s Messer in da Hosntaschn aufgehn." Er wollte unbedingt die Überlebenden fragen, wie sie beinahe 40 Jahre danach die Schreckenstage erinnern, wie es wirklich zuging im "Judenlager", ob ihre alten Wunden noch schmerzen, ob sie versöhnlich gestimmt oder verbittert sind.

Also die Zeitzeugen aufsuchen. Peter Müller, der kritische Lokalhistoriker, schickte ihn zu Max Mannheimer. Der stand dem Unternehmen des jungen Mühldorfers anfänglich eher skeptisch gegenüber. Doch dessen zurückhaltende, feinfühlige Art zu fragen, überzeugte den Ex-Häftling. Er vermittelte weitere Kontakte zu noch lebenden Leidensgefährten in Wien, Zürich und Neumarkt-St. Veit. Von August bis zum Ende des vergangenen Jahres dauerten die Dreharbeiten: Ansichten von Mühldorf, Bilder vom Gelände, eindringliche, bisweilen erschütternde Interviews mit den ehemaligen Zwangsarbeitern, zum Teil am Ort des verbrecherischen Geschehens gehalten. Aus mehr als zwanzig Stunden Rohmaterial wurde schließlich der 95minütige Dokumentarfilm,,... mit 22 Jahren wollte man noch nicht sterben" geschnitten.