Von Benjamin Henrichs

Ach, die schöne Ferienzeit. Aber welch ein trüber Tag ist das heute, welch ein trostloser Ort. Wieder einmal stürzt Regen aus dem schmutziggrauen Himmel. Und schon wieder einmal wird der Münchner Hauptbahnhof gerade umgebaut – und sieht mit jedem Umbau einer Ruine ähnlicher.

Heute soll die Fahrt beginnen – an den Ferienort der Kindheit. Aber jetzt, am Anfang der Reise, hat der Reisende zu nichts weniger Lust als zu dieser Reise. Er flüchtet sich zur einzigen Kulturstätte am unwirtlichen Ort, ins schöne Restaurant „Burger King“. Und denkt, bei Kaffee und heißer Apfeltasche, so scharf nach, wie er nur kann.

Er könnte, erstens, einfach wieder nach Hause fahren. Er könnte, zweitens, über alle Berge davonfahren. Er könnte, drittens, das Projekt einer Anti-Reise versuchen. Sich dem Kindheitsort nähern, aber dann einfach nicht hinfahren. Im Hotelzimmer hockenbleiben, fernsehen, grimmig in den Regen hinausstarren – und sonst gar nichts. Und sich vorstellen, wie es damals war, und wie es heute oder morgen sowieso nicht mehr werden kann. Eine Reise, die keine Reise wäre, sondern eine Demonstration: daß so eine Reise vollkommen sinnlos ist.

Denn natürlich ist der Ort der Kindheit immer ein imaginärer Ort. Er ist nur durch den eigenen Kopf, nicht aber auf dem Land-, Luft- oder Wasserwege erreichbar. Er ist weniger ein wirklicher als ein inszenierter Ort: Die Erinnerung, das Vergessen und die Verklärung führen gemeinsam Regie.

Bevor er sich nun am Tresen einen Hamburger mit Ketchup und Tiefsinn holt, reißt sich der Reisende zusammen. Weniger die Reiselust treibt ihn hinaus ins Freie als sein deutsches Pflichtbewußtsein. Er kauft sich eine Eisenbahnfahrkarte und eine Fahrradkarte, ausgestellt beide nach Uffing am Staffelsee. Er schiebt sein Leihfahrrad (ein Nachkriegsmodell der Firma Rabeneick, 18 Kilogramm schwer) demütig auf den Bahnsteig. Deutschland, Land des Regens und der Dunkelheit. Der kurze Weg zum Gepäckwagen genügt, um den Reisenden gründlich zu wässern.

Naß betritt er die Abteile. Der Zug ist überfüllt und stinkt.