Katastrophensommer ’87: Die Natur rächt den Raubbau in den Alpen

Von Erwin Brunner

Mehr als eine Woche lang hielt der Berg stand. Dann, am frühen Morgen des letzten Dienstags im Juli, erlahmte seine Kraft. So als platzte ein riesenhaftes Geschwür auf, zerbarst die vom Dauerregen aufgeschwemmte Flanke des Pizzo Coppetto. Mit unheimlichem Röhren stürzten über zehn Millionen Kubikmeter Schlamm und Geröll – eine drei Kilometer breite Wunde im Hang hinterlassend – hinunter auf Wiesen und Siedlungen des Valtellina-Tals in den italienischen Alpen, begruben das Dörfchen Aquilone, töteten Menschen und Tiere.

Die Suche nach den 27 Vermißten gaben die Rettungsmannschaften bald wieder auf. Sie hatten alle Hände voll damit zu tun, der nächsten Bedrohung zu begegnen: Der gewaltige Bergrutsch staut den Fluß Adda zu einem gefährlichen See; talabwärts, Richtung Mailand, leben rund 50 000 Menschen, die evakuiert werden müssen, sollte sich die akute Überschwemmungsgefahr nicht bannen lassen – Ende vergangener Woche drohte nach wie vor die Sintflut.

Ein Menetekel? Die Katastrophe im Veltlin (die zweite schon in diesem Sommer), ein Unglück, wie es auch in den deutschen Alpen passieren könnte? Allein im Allgäu kam es seit Mai zu drei Felsstürzen, Anfang August versperrte eine Schlammlawine tagelang die Zufahrt zum Riedbergpaß.

Hubertus Tränkner von der Bayerischen forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt in München wiegelt gleichwohl ab – im Vergleich mit den Zuständen am Südrand der Alpen seien „wir hier ein Jahrhundert hinten“. Der Allgäuer Biologe Karl Partsch hingegen, ein Waldläufer, der die bayerische Bergwelt kennt wie kaum ein zweiter, lebt mit einer ganz anderen Zeitrechnung: es sei „nicht mehr fünf vor zwölf, sondern Mitternacht“.

Die Katastrophen, die in diesem Sommer die Berge ins Rutschen bringen, scheinen den unermüdlichen Warner Partsch bitter zu bestätigen. Muren, die ganze Landschaften verwüsten; Sturzbäche, die Dörfer zerstören und Menschenleben fordern; Täler unter Schutt und Wasser – in den italienischen und französischen Alpen, in der Schweiz, im Tiroler Stubaital nicht anders als in den Fremdenverkehrsorten zu Füßen des Skizirkus Saalbach-Hinterglemm im Salzburgischen.