Rudolf Heß war in den 41 Jahren seiner Haft im alliierten Kriegsverbrechergefängnis zu Berlin-Spandau immer mehr zum politischen Symbol erstarrt. Er verharrte als überständige Figur in einem Strafritual, das Unrecht nicht mehr sühnen und Gerechtigkeit nicht mehr erreichen konnte – wenn darauf nach all dem Verbrechen je zu hoffen gewesen war. Als der 93jährige Greis, der am besten bewachte Häftling der Welt, am Montag seinem Leben nun mit eigener Hand ein Ende machte, da steigerte seine letzte Tat das Makabre zum Aberwitz (siehe auch Seite 6).

Auch wenn der ehemalige „Stellvertreter des Führers“ in Hitlers System nicht jene Rolle spielte, die der Titel vorgab und sein mysteriöser Flug nach England 1941 keine wirkliche politische Bedeutung hatte: Der Letzte, der aus der Nomenklatura des Nazi-Reichs geblieben war, ist aus dieser Welt. Eine Zäsur, doch was bewirkt sie schon?

Der Tod dieses Täters schafft uns Erben der deutschen Schande und Niederlage jedenfalls keine Erleichterung – das zeigte das Urteil gegen Klaus Barbie, das beweist der Prozeß gegen John Demjanjuk in Jerusalem. Die Schatten der Geschichte werden länger, gewiß. Aber sie folgen uns nach, solange die Menschheit sehen kann. R. L.