Von Mathias Greffrath

Ich will gar keine Kunst machen. Wer mich vom ästhetischen Standpunkt beurteilt, liegt ganz falsch", hat Johannes Mario Simmel einmal gesagt; und wer ihm vorhält, er neige beim Schreiben zu sehr einfachen Metaphern, dem entgegnet er schüchtern lächelnd: ",Einfach‘ ist schon sehr freundlich ausgedrückt ..."

Was Simmel macht, war in früheren Zeiten der europäischen Geistesgeschichte die Aufgabe der Kunst: "Gegenstände von großem Interesse" darzustellen. Nach Diderot sind das "die Mißstände der Gesellschaft, das unausweichliche Gesetz der Fatalität, die Folgen großer Leidenschaften", aber auch eben "Väter Mütter, Gatten, Frauen, Kinder" – und beides zusammen: das Leben einzelner Menschen, ihre alltäglichen Bedürfnisse und naturwüchsigen Wünsche mit einer Darstellung der großen Bewegungen und Anforderungen der Epoche zu verknüpfen. Das exemplarische Leben und die Deutung der Epoche – deshalb waren sie alle nicht nur Meister der Imagination und der Spannung, sondern auch Rechercheure: Balzac, Flaubert, Zola, Hugo, Tolstoi.

Die Ausdifferenzierung und Spezialisierung der gesellschaftlichen Subsysteme, die Trennung von Religion und Kunst, von Wissenschaft und Technik, von Politik und Moral ist auch für die Ästhetik nicht ohne Folgen geblieben: so wie der Journalismus einige Aufgaben der Wissenschaften übernommen hat, etwa die, Orientierungswissen zu geben, so hat der Thriller das Erbe des großen realistischen Romans angetreten, dessen Forderungen sich kaum jemand noch stellt: der immanente Fortschritt der erzählerischen Produktivkräfte hat ihn, so scheint es, unmöglich gemacht. Ambler und Le Carré gelten als "unrein", selbst Greene; und nun der gelernte Journalist Simmel gar, mit seiner penetranten Überpräzision, all diesen Straßennamen, Gebrauchsanweisungen, historischen Vorlesungen, all den Klischees und dem alteuropäischen Zitatenschächtelchen

Simmels Handlung schildert einen Vorgang, der größer und folgenreicher ist als Atomspaltung und Bombe: die direkte Rekonstruktion des Menschen durch den Menschen, die Verwandlung von Individuum und Gesellschaften aus – wie immer verzerrt – noch moralgesteuerten Systemen in technisch manipulierte Aggregate von Termiten. Diese Entwicklung ist in vollem Gange, und das gewollte Resultat all des Clonens und Splicens, all des Pantschens mit Embryonen und Isolierens von Peptiden ist die Möglichkeit, uns in fast allem vom Gang der Natur abzukoppeln: in der Landwirtschaft und im Glücksempfinden, in der Fortpflanzung und im Aggressionsverhalten.

Wie sieht das bei Simmel aus? Die Starreporterin Norma Desmond geht in Hamburg mit ihrem Sohn in den Zirkus, aber die Clowns machen keine Witze, sie schießen mit Maschinenpistolen in die Menge. Der Sohn ist tot, und die Reporterin sublimiert ihren Schmerz in der Suche nach den Schuldigen. Der Anschlag, so findet sie heraus, galt dem Leiter eines Genforschungsinstituts, in dem durch Zufall – und das heißt : durch Unfall – ein Antiaggressionsvirus entstanden ist, an dem die militärischen Geheimdienste massives Interesse bekunden. Das Virus läßt den Menschen ihre Arbeitsfähigkeit, macht sie aber sanft und fügsam. Massenhaft hergestellt und verteilt, wäre es wirksamer als jede Atombombe; und anders als die Bombe vergiftete es die Erde nicht, sondern ließe sie im Besitz einer Menschheit – von Herren und Knechten. Aber damit es Herren geben kann, muß es einen Impfstoff geben, und deshalb ist der Kampf der Wissenschaftler um die infizierten Kollegen, die Suche nach dem Antikörper, ambivalent; je näher die Forscher der Rettung ihres Kollegen kommen, desto schlimmer sieht es aus für die Zukunft der Menschheit.

Norma Desmond dringt in die Machenschaften der Militärs ein und gleichzeitig in die Geheimnisse der Gentechnik, die Simmel, in Normas Dialoge mit dem polnischen Biologen Jan Barski verpackt, kenntnisreich in die Handlung einwebt. Der Leser ist nach beendeter Lektüre auf der Höhe der Zeit, und, so meine Vermutung, neugierig auf die Leseliste, die Simmel dem Roman anfügt. Mit wachsendem Tempo folgen wir der Reporterin in die Hochsicherheitsbereiche der Genlaboratorien und in die Spermienbanken, erleben Beschattungen, Leichenentführungen, Maschinenpistolen unter den Kutten getürkter Nonnen. Von all dem gibt es satt; und auch die Schauplätze, die Simmel und die Schurken dieser Welt so lieben: Grandhotels in Badenweiler, Flughafenbars in Nizza, Learjets und alte Wehrmachtsbunker. Und natürlich große Gefühle, wie wir sie gern hätten: die Giftküchen der Molekularbiologen und die Treffpunkte der Agenten sind die Kulissen der Liebe; und die Liebe erhält ihren Ernst durch den Kampf gegen das Unheil.