Von Hans Schuh

Ständig rufen bei uns besorgte Patienten an und wollen wissen, ob sie noch Zellpräparate bekommen können. Krebs- und Aidskranke sind darunter, manche weinen am Telephon. Aber wir dürfen wegen dieser voreiligen Aktion des Bundesgesundheitsamtes nicht mehr liefern." So lauten Klagen von Zelltherapeutika-Herstellern, die jahrzehntelang ihre Arzneimittel vertrieben haben – bis zum 5. August dieses Jahres.

An diesem Tag hatte das Berliner Bundesgesundheitsamt (BGA) dem schwunghaften Handel mit tiefgefrorenen oder gefriergetrockneten Zellpräparaten (jedoch nicht mit Frischzellen, siehe unten) zunächst ein Ende gesetzt: Das BGA erließ ein vorläufiges, bis zum 30. Juni 1988 befristetes Verbot, um "die medizinisch nicht mehr vertretbar erscheinenden Risiken dieser Arzneimittel" bis dann abschließend zu bewerten. Betroffen sind 235 Arzneimittel von vier pharmazeutischen Unternehmen. Drei dieser Firmen – Cybila in Heidelberg, Milcell und Frigocyt in Hamburg – leben nahezu ausschließlich vom Vertrieb der Zelltherapeutika und bangen nun um ihre Existenz.

Völlig überraschend, wie es die Zellbranche in der Öffentlichkeit darstellte, kam das Verdikt aus Berlin jedoch nicht. Das Damoklesschwert eines Verbotes pendelte schon seit geraumer Zeit über den Vertreibern der sündhaft teuren Zellpürees (eine Kur mit zirka acht Spritzen, meist von Schafe-, Rinds- oder Schweinsföten, kostet etwa 800 bis mehrere tausend Mark, eine Frischzellkur im Sanatorium etwa zehntausend Mark). Immer wieder wurden zum Teil gravierende Nebenwirkungen gemeldet. Und spätestens bis Ende 1989 hätten die Hersteller aufgrund des neuen Arzneimittelgesetzes den Beweis erbringen müssen für die Wirksamkeit ihrer Zelltherapeutika, die nur noch befristet als Alt-Arzneien zugelassen waren.

Bereits am 11. März 1986 hatte die Interkantonale Kontrollstelle (IKS) für Heilmittel in Bern – das schweizerische Pendant zum BGA – alle angemeldeten Zellpräparate "wegen nicht nachgewiesenen Nutzens abregistriert", so ein Sprecher der IKS zur ZEIT. In der Schweiz dürfen seither und bis zum Ende dieses Jahres nur noch Restbestände im Handel befindlicher Zelltherapeutika verkauft werden.

Bemerkenswert ist, daß die Schweizer Zelltherapeuten mit insgesamt dreizehn bei der IKS registrierten Präparten auszukommen schienen, während die bundesdeutschen "Naturheiler" auf ein 18mal größeres Angebot zurückgriffen nach dem Motto: Möglichst für jedes Zipperlein ein eigenes Präparat. Herz zu Herz, Hirn zu Hirn, Niere zu Niere – nach dieser magischen Formel soll jedes kranke menschliche Organ durch entsprechendes Gewebe von Tierföten gestärkt und geheilt werden. So gibt es nach Auffassung der Zelltherapeuten auch kaum ein verbreitetes Leiden unter der Sonne, das nicht mit Zellinjektionen zu lindern wäre. Die Indikationen reichen von Krebs, Rheuma, Arthritis, Leberzirrhose, Raucherbein, Durchblutungs- und Potenzstörungen über allgemeine Altersbeschwerden bis hin zu "modernen" Leiden wie Strahlenkrankheit oder Aids – oder gar zur Therapie behinderter Kinder.

Professor Franz Schmid, ehemaliger Chefarzt der städtischen Kinderklinik Aschaffenburg, hat nach eigenen Angaben weltweit die Behandlung von mehr als 2500 Kindern mit Trisomie 21 (Down-Syndrom oder "Mongolismus") betreut und ist von der Wirksamkeit der Zelltherapie felsenfest überzeugt. Unter seiner Supervision behandelten und behandeln eigenständige Gesellschaften und Organisationen in den USA, Kanada und Australien einige hundert Kinder – obwohl, wie er zugibt, in diesen Staaten Zelltherapeutika nicht zugelassen sind. Dennoch gelangten die Präparate als "Medikamente zum persönlichen Gebrauch in der Regel ohne Schwierigkeiten" durch den Zoll. Auf die Frage, ob er seine "zweifelsfreien Erfolge" bei der Behandlung von Kindern mit Trisomie 21 der IKS oder dem BGA gemeldet habe, meinte er: "Ja, die Erfolge wurden auch nicht bestritten. Im Gegensatz zu mir wurden sie von den Gutachtern jedoch nicht der Zelltherapie, sondern der Erziehung und einer zusätzlichen medikamentösen Therapie zugeschrieben." Vorwürfe, daß er nicht uneigennützig die Zelltherapie propagiere, weil seine Gattin Geschäftsführerin ist bei der branchenführenden Firma Cybila, weist Schmid zurück.