Zwar hält das babylonische Stimmengewirr noch an. Drei Kanzlerappelle, den Strategiestreit in der Union, weil überflüssig, einzustellen, haben nichts genützt. Vielmehr umfaßt zum Beispiel die Dokumentation, mit der das Regierungspresseamt regelmäßig Politikeräußerungen festhält, unter der Rubrik „Unionsparteien“ allein für das vergangene Wochenende 33 engbeschriebene Seiten über den Zwist

Trotzdem, die Bataille beginnt abzuflauen. Schießlich stehen die Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Bremen vor der Tür. Und gegen Ende der politischen Sommerpause (die es bisher nicht gab) flüchten die meisten wirklich noch einmal in den Urlaub, zum letzten Atemholen vor den Herbstmanövern. Also können Kombattanten und Auguren anfangen, das Schlachtfeld zu besichtigen, den Hergang zu rekonstruieren, das Ergebnis einzuschätzen und die Konsequenzen zu bedenken.

Freilich, ein Ergebnis gibt es nicht. Helmut Kohl, als Schiedsinstanz ratlos angerufen oder polemisch herausgefordert, hat zum Inhalt der Kontroverse nichts gesagt. Für den Kanzler bleibt die Union die Partei für alles und alle, auch wenn er nach den Ferien mit diesem oder jenem ein deutliches Wörtchen reden will.

Ohnehin halten viele in Bonn dafür, daß die ganze Debatte nicht so grundsätzlich geworden wäre, wenn Franz Josef Strauß, durch seine maßlosen Attacken auf Norbert Blüms chilenisches Engagement in eine unglückliche Position geraten, das Menschenrechtsthema nicht in Vorwärtsverteidigung zu einem Richtungsstreit ausgeweitet hätte. Solche Einschätzungen lassen allerdings beiseite, daß sich die CSU schon vor diesen Angriffen ihres Vorsitzenden über Heiner Geißlers Wahlanalysen und die daraus abgeleiteten Empfehlungen aufgeregt

Die Theorie des CDU-Generalsekretärs vom christlich-liberalen Lager auf der einen und dem rotgrünen auf der anderen Seite, die Fischzüge, die er beim neuen Mittelstand und bei der modernen technischen Intelligenz vor hat, scheinen den Bayern nach wie vor nur dazu angetan, Unionswählern das Überlaufen zur FDP zu erleichtern und das Stammpublikum weiter zu enttäuschen. Ginge es nach der CSU, dann müßte die Union, um sowohl die eigene Herde zusammenzuhalten als auch neue Wähler zu überzeugen, ihre eigenen, eher traditionellen Positionen ebenso schärfen wie die Unterschiede zu den Liberalen.

Die Vordenker in der CDU hingegen finden ihre Lagertheorie unverändert realistisch und politisch praktikabel, weil ihrer Einsicht nach auch die meisten Stimmbürger die Frontlinien so wahrnehmen. Und was die Stammwähler betrifft, so führt der Geißler-Flügel ins Feld, daß der alte Typus dieser Wähler immer rascher wegstirbt, so daß neues Stammpublikum gerade durch das Eingehen auf dessen Themen und Ansichten – von der Ökologie bis zu den Menschenrechten – rekrutiert werden müsse. Den Unionsdefiziten bei denen, die jünger als fünfundvierzig sind, gelten viele Sorgen.

So schwelt der Streit weiter; einige stehen am Blasebalg, andere halten die Feuerpatsche. Edmund Stoiber von der CSU hat eine „Riesendebatte“ angekündigt, und ebenso will Geißler „Inhalte ausdiskutieren“, nicht zuletzt auf dem Parteitag im nächsten Jahr, der neben der Außenpolitik ethischen Fragen, vom Paragraphen 218 bis zur Gentechnologie, gelten soll.