Von Dieter Buhl

Gerade in einer Zeit, in der die deutschamerikanischen Beziehungen wieder einmal von Argwohn und Mißverständnis geprägt sind, kann ein Blick zurück die allgemeine Aufregung relativieren. Wenn nicht alles, so ist doch vieles schon einmal dagewesen im Verhältnis der Deutschen und Amerikaner zueinander. Dieses nachgewiesen und eine nebulöse Geschichtsepoche aufgehellt zu haben, ist ein Verdienst des Kölner Historikers Reiner Pommerin, der in seinem Buch einige Legenden zerstört und mit beeindruckender Gründlichkeit die tragische Entwicklung einer Freundschaft zweier Länder zur Feindschaft nachzeichnet:

Der Kaiser und Amerika. Die USA in der Politik der Reichsleitung 1890-1917; Böhlau Verlag, Köln 1986; 436 S., 108,– DM.

Pommerins Analyse deckt eine besonders interessante Phase in den bilateralen Angelegenheiten Deutschlands und Amerikas ab. Beide Länder hatten zu jener Zeit gravierende Veränderungen zu verkraften. Nach Bismarcks Abdankung 1890 wuchs der Einfluß Wilhelm II. auf die deutsche Außenpolitik. Für den Eisernen Kanzler hatte noch die europäische Machtbalance zur Erhaltung des Friedens gereicht. Mit den kolonialen Ambitionen des Reiches (nicht zuletzt durch die Geltungssucht des Kaisers gefördert) nahmen jedoch auch die außenpolitischen Herausforderungen zu. Deutsche Interessen stießen nicht mehr nur mit denen der Nachbarn zusammen, sie kollidierten ebenso mit Zielvorstellungen außereuropäischer Mächte.

Vor allem die Vereinigten Staaten erwiesen sich daher auch für Berlin immer mehr als ernstzunehmender Faktor der globalen Politik. Diese Entwicklung wurde gefördert durch eine Zäsur, die Amerika im selben Jahr erlebte, in dem Bismarck zurücktrat. Die freie Landabgabe an Siedler und Spekulanten wurde beendet. Die Aufbruchsstimmung des „Wilden Westens“ näherte sich ihrem Ende und am Horizont der Amerikaner zeichneten sich neue Verlockungen ab. Der scheinbar endlose Drang in westlicher Richtung stieß an Grenzen, das Land veränderte sich vom Entwicklungsland in einen modernen Agrar- und Industriestaat. Gleichzeitig richtete sich der Blick der amerikanischen Politiker und Unternehmer über die Konturen ihres Halbkontinents hinaus. Ihre Tatkraft und ihr Selbstbewußtsein begannen vor allem in der Alten Welt erstmals Unruhe zu verbreiten.

Zumal in der Hauptstadt des deutschen Reiches wurde Amerika mit Argusaugen beobachtet. In der Ägide Bismarcks galten die deutsch-amerikanischen Beziehungen noch als „traditionell freundschaftlich“ und „ohne leisesten Schatten“ (US-Präsident Benjamin Harrison). Unter Bismarcks Nachfolger Caprivi mehrten sich jedoch schon bald die Unstimmigkeiten. Eine der Ursachen war gewiß die rigorose Schutzzollpolitik der Vereinigten Staaten. Mindestens ebenso stark aber schlugen die furchtsamen Ahnungen der Reichsleitung zu Buche, die neben Rußland und England nun auch in dem pubertären Giganten Amerika einen gefährlichen Konkurrenten sah. Der Begriff „Mitteleuropa“, erst jüngst wieder als Hoffnungspol entdeckt, feierte damals, wie der Autor darstellt, im Denken mancher Österreich-ungarischer und deutscher Politiker Premiere.

Für Reichskanzler von Caprivi kam es unter, den veränderten Umständen darauf an, stets daran zu denken, „daß Amerika mit immer mehr Selbstgefühl und Rücksichtslosigkeit auf Europa einzuwirken suchen wird, daß auch Rußland in der glücklichen Lage ist, sich selbst genügen zu können und daß – wenn man auch noch nicht mit China zu rechnen braucht – Zeiten zu kommen scheinen, in denen die Notwendigkeit, die Kräfte in Zentraleuropa auf ein Ziel zu lenken, zwingend werden kann... Nicht bloß der berechtigte Selbsterhaltungstrieb der Alten Welt nötigt sie das im Auge zu behalten, vor der Hand ist sie, wie mir scheint, doch noch ein unentbehrlicher Träger für die Kultur der Menschheit.“ Zwei Jahre später wurde Caprivi deutlicher. Das Endziel seiner Politik, vertraute er einem Bekannten an, sei die Schöpfung der Vereinigten Staaten von Europa mit der Tendenz, den Erdteil wirtschaftlich unabhängig von Amerika zu machen.