Die Frage scheint so einfach, daß sich Fachleute eigentlich mühelos auf eine Antwort einigen müßten: Was ist ein Konjunkturaufschwung? Doch weit gefehlt. Wer fragt, bekommt viele Antworten. Was dem einen noch Aufschwung, ist dem andern schon Abschwung, was dem Skeptiker Stagnation, ist dem Optimisten andauerndes Wachstum. Die Verwirrung ist total.

Die Rede ist von der Konjunktur in der Bundesrepublik. Nie wurde sie so widersprüchlich beurteilt wie in diesen Wochen und Monaten. „Die Konjunkturforscher sind sich ... einig, daß der Aufschwung weitergeht“, verkündete das industrienahe Institut der deutschen Wirtschaft. „Ich glaube, Stagnation ist die richtige Kennzeichnung für das Jahr insgesamt“, gab der Kieler Professor Norbert Walter zu bedenken. Im „ersten Jahr des Abschwungs“ sieht sich gar Heinrich Oppenländer, der Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung in München. Und jeder nimmt für sich den großen Durchblick in Anspruch.

Das sind die Fakten: 1984 wuchs die Wirtschaft in der Bundesrepublik um drei Prozent, 1985 noch um 2,5 Prozent, 1986 lediglich um 2,4 Prozent, und im laufenden Jahr dürften es kam mehr als 1,5 Prozent werden. Mit anderen Worten: Die Wachstumsraten sind allesamt positiv, aber der Trend zeigt eindeutig nach unten. Weder von Schwung ist da etwas zu spüren, noch von einer kontinuierlichen Aufwärtsbewegung.

Daß die Bundesregierung dennoch von einer neuen konjunkturellen Dynamik spricht, überrascht kaum. Schon lange versucht sie nämlich, Wunschdenken als Realität auszugeben. Vor der Bundestagswahl, als die Konjunktur einen Einbruch erlebte, wurden realistische Einschätzungen als „Kaputtreden“ gebrandmarkt. Jetzt heißt es in Bonn, in diesem Jahr sei ein Plus von mindestens zwei Prozent möglich. Man muß solche Ankündigungen als das nehmen, was sie sind: Schönwetterparolen, die nicht zuletzt von der wieder steigenden Arbeitslosigkeit ablenken sollen.

Verblüffend ist dagegen, wie hilflos die einschlägigen Experten mit dem ungewohnten Konjunkturverlauf umgehen. Ständig werden Zuwachsraten in kurzen Abständen revidiert (meist nach unten), beträchtlich sind die Abstände zwischen den von den einzelnen Prognoselieferanten publizierten Zahlen. Das Ifo-Institut, bisher traditionell eher im Lager der Optimisten zu finden, gibt plötzlich die pessimistischeren Voraussagen ab ab alle anderen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), dessen Wachstumsprognosen gewöhnlich am unteren Rand der Skala rangieren, kann seine Ratlosigkeit nicht verbergen und würde sich am liebsten gar nicht auf eine Zahl festlegen. Selbst der Laie erkennt, wie nahe die Prognosezunft an bloße Schätzungen herangerückt ist, statt wissenschaftlich fundierte Berechnungen zu liefern.

Im Herbst des vergangenen Jahres demonstrierten die Auguren das überdeutlich. Die für das Gemeinschaftsgutachten verantwortlichen fünf Forschungsinstitute hatten für 1986 zunächst ein Wachstum von 3,5 Prozent vorausgesagt. Im Oktober blieben davon noch drei Prozent, 2,4 Prozent trafen dann tatsächlich ein. Als ähnlich wertlos erwies sich die Gemeinschaftsprognose für 1987 von drei Prozent, die im Oktober abgegeben wurde. In einem regelrechten Abwertungswettlauf wurde diese Zahl von einzelnen Instituten auf zwei bis 1,5 Prozent zurückgenommen – und das innerhalb von drei Monaten.

Der ungewohnte Konjunkturverlauf ist schuld daran, daß die Prognostiker aus dem Tritt gekommen sind. Es paßt nicht in ihr gewohntes Konzept, wenn die Wachstumsraten zwar immer bescheidener werden, aber schon im fünften Jahr hintereinander positiv sind. Sie möchten gerne daran glauben, daß wir der konjunkturellen Bergund-Tal-Fahrt entronnen sind und umschreiben Einbrüche als „Wachstumsdellen“ oder „Anpassungsfriktionen“, das vierteljährliche Auf und Ab als Wellblech- oder Waschbrettkonjunktur. Nur: Warum das so ist oder ob nicht einfach die Optik trügt, weiß bisher niemand mit lialbwegs seriösen Argumenten zu erklären.