Von Heinrich v. Tiedemann

Dem zweitgrößten politischen Ärgernis unserer Tage, dem europäischen Agrarwirrwarr, verdanke ich es, daß ich noch einmal eine Reifeprüfung machen darf. Nicht in eine enge Schulbank geklemmt, sondern auf der grünen Wiese. Mein Handwerkszeug ist auch nicht wie anno dazumal ein abgekauter Füllfederhalter, sondern eine blitzblanke Stahlrute mit Holzkopf. Wie das?

Des Rätsels Lösung enthüllt ein Blick durch die Fenster meines Alterssitzes: wohin das Auge schweift, nichts als sorgfältig und intensiv bestellte Felder. Raps, Weizen, Gerste, seltener Rüben und Futtererbsen. Alles säuberlich wie in Regalen durch Knicks, ortstypische Heckenwälle, geordnet in dieser sanften Topographie Ostholsteins, der Toskana Norddeutscnlands. Das fand übrigens auch schon Johann Wilhelm Heinrich Tischbein vor 200 Jahren. Ein nahegelegenes Paradies also?

Die Wirklichkeit straft mich Lügen. Die offensichtliche Fruchtbarkeit des Erdreichs, dieser Segen, ist zum Fluch geworden. Die gigantischen Mähdrescher, die zur Erntezeit, vorsintflutlichen Ungeheuern gleich, über die Fluren dröhnen und zum großen Fressen ausschwärmen, fahren nur noch Verluste ein. Der Überschuß ist zum Ausschuß degeneriert; nicht in Backstuben und Trögen, sondern in Lagerhäusern und Silos landet das buchstäblich unveräußerliche Gold der Bauern und Gutsherren, zu allem Überfluß noch unzureichend subventioniert, wie man mir, dem stadtflüchtigen Versorgungsempfänger, zornig versichert.

Der Nährstand steht am Abgrund, so sieht es auch der streitbare Freiherr Heereman von Zuydtwyck. Was tun? Schafft wieder Brachland, laßt die Wildkräuter schießen, fordern meine grünen Freunde. Wer aber würde ganz der Kosten-Nutzen-Rechnung entsagen wollen? Da, zum Glück, bietet sich ein Phänomen an, das unsere Soziologen schon lange in ihr Herz geschlossen haben: die Freizeitgesellschaft. Mehr Urlaub, mehr Arbeitszeitverkürzung, vorgezogener Ruhestand und andere menschenfreundliche Errungenschaften mobilisieren ein neues Potential. Der Mensch kann sich auf seine urtümlichen Fähigkeiten besinnen, soll wieder eins werden mit der Schöpfung, so daß nicht länger der Profit und die Ausbeutung der Natur sein Leben steuern, sondern die Lust, den gesunden Geist in einem gesunden, Körper, zu spüren. Was als liegt näher, als die unrentable Ackerkrume, die den Schweiß der gerechten Agronomie nicht mehr wert ist, in eine Spielwiese umzugestalten?

Zur Sache: wir haben einen Golf-Club gegründet. Das Vorhaben, ausgeknobelt von Unbedarften, bestenfalls Anfängern, lag in der Luft. Es traf sich mit der Sehnsucht bäuerlicher Unternehmer nach zeitgemäßer Sinnstiftung. „Landschaftlich ist die Umwandlung der landwirtschaftlich genutzten Fläche in eine idyllische Parklandschaft durchaus zu begrüßen.“ So beschreibt der Lokalreporter die Beschlüsse unserer Gründungsversammlung und trifft damit genau ins Schwarze, oder, wie es fachgerecht heißen müßte, aufs Grün. Wo heute noch der Raps sein plüschiges Gelb im Wind bläht, die langhaarigen Teppiche des Getreides wogen und die schwarz-bunten Rinder fettes Gras in unverkäufliche Milch verwandeln, werden im nächsten Jahr Grüppchen von modisch gekleideten Golfern schwungvoll – it don’t mean a thing if it ain’t got that Swing – ihre kleinen Bälle dorthin schlagen, wohin sie gehören, ins Loch.

Was den schottischen Hirten, die angeblich im 15. Jahrhundert sich zum erstenmal auf diese Weise die Langeweile vertrieben haben, billig genug erschien, kann uns nicht zu teuer sein. Die Profis und Luxusamateure von St. Andrews oder Falkenstein, die feinen Leute mit dem einstelligen Handicap mögen die Augenbrauen hochziehen. Der Agronom, der uns 30 Hektar, für die ersten neun Löcher verpachtet hat, weiß, was er tut. Er treibt die Kühe von der Weide, schneidet eine Bresche in den Zaun und kratzt die braunen Fladen vom Grün, damit wir schon in dieser Saison erleben können, welcher verzweifelten Anstrengungen es bedarf, das weiße Kügelchen mit dem Schlägerkopf zu treffen und himmelwärts aufsteigen zu lassen.