ZDF, Donnerstag, 13. August: "Was nun, Herr Diepgen?"

Die "Was nun ..."-Reihe des Zweiten Programms ist eine Melange aus Interview, VIP-Portrait und Talk-Show. Der Studio-Gast, meist ein prominenter Politiker, beantwortet Fragen nach dem Kurs seiner Partei und seiner Biographie, er spielt "freie Assoziation" und "Vollenden-Sie-diesen-Satz" mit den Moderatoren und stellt sich schließlich den Attacken eines "Überraschungsgastes", vorzugsweise eines politischen Gegners. Das Konzept leuchtet ein: die Sachdebatte vermittelt Information und zwingt den Gast zur Stellungnahme, die persönlichen Fragen lassen den Menschen hinter der Funktion hervortreten, Spiele und Überraschung würzen das Ganze mit Spontaneität.

Wenn man nur statt einer gelungenen Show nicht immer das Konzept schmeckte! Man merkt, wie es gemeint ist und applaudiert der Idee – bloß leider: die Wirklichkeit höhnt in der Regel des klugen Plans. Bräsig oder übereifrig durchläuft der Gast die Kür, assistiert von seinen Animateuren, die ihm artig vorbereitete Fragen servieren und auch den Humor nicht vergessen. Wenn dann der Befragte noch an der Regierung ist und sich von Amts wegen in der Kunst des Nichtssagens zu üben hat, darf man nicht zuviel erwarten. Was dann, Herr Bresser? The show must go on...

Letzten Donnerstag hieß es: "Was nun, Herr Diepgen?" Der Berliner Regierende antwortete auf Erkundigungen nach seiner Stellung zum Chilenen-Asyl, zu Kohls Führungsschwäche, zu den Aufgaben der CDU in Berlin, zur 750-Jahr-Feier und schließlich nach seiner eigenen Laufbahn. Bresser: "Ich fühle mich am besten, wenn ..." Diepgen: "... ich sonntags bei meiner Familie bin." Und am Schluß Egon Bahr mit einigen sehr direkten Fragen: Nehmen Sie die Chilenen auf? Tauschen Sie Anerkennung der DDR-Staatsbürgerschaft gegen Schießbefehl? Sind Sie für Lufthansa in Schönefeld und Interflug in Frankfurt/Main?

Diepgen schlug sich nicht schlecht. Dieser tüchtige Bursche aus dem Wedding, gemütlich und doch auf dem Quivive, ganz der Mensch und Bürgermeister gewordene Berliner Bär, verkündete erstmal dies: Bloß nicht aufregen. Die Chilenen-Frage, die deutsche Einheit, die Abrüstung: kommt Zeit, kommt Rat. Verbleibende Probleme löst Großstadttoleranz im Verbund mit der CDU. Korruption? Gibt es leider überall. Die Mauer? Muß weg. Seitenhiebe gegen die Bürokratie lassen unterm schlichten Tuch den muskulösen Macher ahnen, ein Satz übers gekonnte Abwarten zeigt, daß der Mann auch belesen ist. Und bist not least solide. Bresser: "Ich verhalte mich grundsätzlich so, daß ..." Diepgen: "...meine Prinzipien eingehalten werden können." Selbst Bahn Provokationen konterte der Regierende gelassen, in vielem war man sich einig.

Es ist wohl sein "Alles-in-Ordnung"-Appeal, der Eberhard Diepgen bei seinen Wählern so beliebt macht. Bresser und Herles taten einiges, um diesen Appeal zu inszenieren. Sie achteten auf einen reibungslosen Verlauf der Sendung and hielten sich an die Verlauf der komplizierten Dramaturgie. Dabei vergaßen sie, Diepgen in eine Lage zu bringen, in der man sinnvollerweise "Was nun?" hätte fragen können. Das tat Diepgen selbst. Allen Ernstes verteidigte er sein Wort von den "Anti-Berlinern", die in Kreuzberg wohnten und mit Steinen würfen. In einer Stadt wie Berlin müsse "man einander ertragen". Auch die Kreuzberger, die Dahlemer und erst recht die vom Schöneberger Rathaus ... Ach was, Herr Diepgen? Barbara Sichtermann