Erich Honecker, DDR-Staatsratsvorsitzender und SED-Generalsekretär – Porträt und Bilanz

Von Günter Gaus

Was wird er hinterlassen? Wie wird sein Erbe beschaffen sein – die DDR, der andere deutsche Staat, den er seit 1971 nicht als Alleinherrscher, aber als der bestimmende Mann regiert? Erich Honecker hat das Alter lange erreicht, da andere Politiker in hohen Ämtern entweder schon vom baldigen Vergessenwerden gezeichnet sind, umweht von Gestrigkeit, oder aber noch zu ihren Lebzeiten einen historischen Schatten über einige Zukunft werfen.

Es ist müßig zu fabulieren, wer in der Geschichte der Deutschen seit 1945 außer Konrad Adenauer und Walter Ulbricht die Umstände so zu nützen verstand, daß er mehr erfüllte als die tagtäglichen Ansprüche an einen Regierenden. Aber es ist politisch gedacht, Erich Honecker, den Generalsekretär der SED und Staatsratsvorsitzenden der Deutschen Demokratischen Republik, zu der kleinen Schar zu zählen. Seine Hinterlassenschaft wird die überschaubare Spanne der europäischen Zukunft mitbestimmen. Noch vor zwanzig Jahren meinte Bundeskanzler Kiesinger, den Staat drüben ein „Phänomen“ nennen zu können. Nur die Feindschaft, die nicht in politischer Gegnerschaft, sondern allein in Irrationalismen gedeihen kann; in Ängsten vor einem dämonisierten Kommunismus, die jedoch seltsam verquickt sind mit einer auf Sieg gestimmten Kreuzzugsmentalität; in Gefühlswallungen, für die Realitätssinn dasselbe wie Verrat am rechten Glauben ist – nur solche Art Feindschaft bleibt blind gegenüber der historischen Realität, in die Honecker die Existenz der DDR verwandelt hat.

Über Ulbrichts Erbe hinaus verwandelt. Als ich im Herbst 1974 mein erstes Gespräch unter vier Augen mit ihm geführt hatte, vermittelte mir die Art, in der Honecker von seinem Vorgänger sprach, den bestimmten Eindruck, daß er die psychologischen Probleme, Nachfolger eines Gründervaters, einer einstmals verherrlichten Nummer Eins zu sein, nicht ohne Verletzungen kennengelernt hatte. Er gebrauchte kein abschätziges Wort, es gab keinen bösen Zungenschlag. Nicht der Tonfall, nicht die Wortwahl war es. Sagen wir: Das Zusammenwirken eines flüchtigen Gesichtsausdrucks mit einer spröden Knappheit in dieser Gesprächspassage erweckte mein sicheres Gefühl, daß Honecker Phasen der Ungeduld unter dem einst übermächtigen Ulbricht erlebt hat und daß er unbedingt mehr werden wollte als nur ein Nachfolger. Jedenfalls hat er in den vergangenen fünfzehn Jahren jenen höherfliegenden Ehrgeiz als den auf eine bloße Amtsnachfolge weit mehr verwirklicht, als das zunächst erwartet wurde.

Der schmächtige Mann, der beim Gespräch im kleinen Kreis stärker wirkt als auf den Tribünen, auf die ihn der Darstellungsstil des Regimes so oft stellt, hat es nach meinem Eindruck stets verstanden, Fraktionsbildungen im Politbüro der SED zu vermeiden. Nachrichtendienstliche und journalistische Spekulationen wollten öfter einmal wissen, daß der oder jener von den Genossen an der Spitze einen besseren Draht zu den sowjetischen Freunden habe als Honecker selber. Hermann Axen wird gern als der außenpolitische Scharfmacher gedeutet, der dem Generalsekretär gelegentlich in den Arm falle.

Ich habe in den Jahren meines Staatsdienstes auf dem Verteiler solcher vertraulichen Berichte gestanden. In der Regel haben sie nicht viel getaugt, blieben sie in ihren Einsichten und Schlußfolgerungen erheblich zurück hinter den Erkenntnissen, die meine Mitarbeiter auf dem ganz normalen Dienstweg, im amtlichen und privaten Umgang mit den Deutschen drüben über Land und Leute gewinnen konnten. Was von sogenannten Diensten kam, war am ehesten ein Scherenschnitt, ein Schattenriß – eine Darstellung, der jede Tiefe fehlt.