Von Joachim Nawrocki

Am 8. Dezember 1965 schrieb Albert Speer in seinen Spandauer Tagebüchern: "Heute sagte ich zu Heß, dessen Herz bei der gestrigen Untersuchung für gesund befunden wurde: ‚Viele Wärter werden durch ihr unvernünftiges Leben in den nächsten Jahren dahinschwinden, und Sie werden übrigbleiben.‘ Zweideutig meinte er: ‚Schade drum!’ Aber in gewissem Sinne genießt er es bereits jetzt, daß ein aufgeblähter Apparat mit vier Obersten unterhalten wird. Schirach behauptete, daß er sich wie Napoleon vorkomme; wenn auch nur auf St. Helena."

Albert Speer und Baldur von Schirach wurden am 30. September 1966 um Mitternacht als letzte aus dem Spandauer Kriegsverbrechergefängnis entlassen. Schirach starb am 8. August 1974, Speer am 1. September 1981. Heß überlebte sie alle, noch 22 Jahre als einziger Insasse eines Gefängnisses, das 1878 bis 1881 als Militärstrafanstalt für 600 Häftlinge erbaut worden war.

Am Ende war der Greis von 93 Jahren, der immer wieder ins britische Militärhospital gebracht werden mußte, schwer herzkrank und fast blind; er erkannte auch seinen Sohn nicht mehr, der ihn einmal im Monat im Gefängnis besuchen durfte. Es ist erstaunlich, daß ein solcher Mann noch die Kraft zu einem Selbstmordversuch hatte. Wie die britische Militärregierung am Dienstag bekanntgab, wurde Heß am Montagnachmittag sterbend vom Gefängnis ins Hospital gebracht, Wiederbelebungsversuche seien erfolglos geblieben. Um 16.10 wurde sein Tod festgestellt.

Fast genau die zweite Hälfte seines langen Lebens hat Rudolf Heß hinter Gittern verbracht, 46 Jahre seit er im Mai 1941 mit einer schweren Jagdmaschine vom Typ Messerschmitt ME 110 von Augsburg nach Schottland geflogen war, um sich für einen Friedensschluß zwischen England und dem Deutschen Reich einzusetzen. Bis heute ist nicht klar, ob Adolf Hitler, dessen Stellvertreter Heß offiziell war, diesen Flug gebilligt hatte oder ob er davon genauso überrascht wurde wie die Weltöffentlichkeit. Jedenfalls hat sich Hitler, als die Briten die Mission von Heß nicht ernst nahmen und ihn kurzerhand internierten, von Heß distanziert und ihn für verrückt erklärt. Die Akten über den Fall Heß wurden von Großbritannien für eine Veröffentlichung nicht freigegeben; sie sollen bis zum Jahre 2017 im Tresor bleiben.

Im Nürnberger Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher wurde Heß im Oktober 1946 von der Anklage wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechens freigesprochen, aber wegen "Verschwörung gegen den Weltfrieden und Vorbereitung eines Angriffskrieges" zu lebenslanger Haft verurteilt. Im Juli 1947 kam er zusammen mit sechs weiteren Kriegsverbrechern in das Spandauer Gefängnis, das unter Viermächteverwaltung steht – als Häftling Nr. 7. Jetzt ist das Gefängnis leer.

Die Leiche von Rudolf Heß wird seiner Familie übergeben, wie die vier Mächte einvernehmlich beschlossen haben; sie soll im Familiengrab in Wunsiedel beigesetzt werden. Ursprünglich wollten die Alliierten, wie auch die Familie von Heß glaubte, die Leiche verbrennen und die Asche zerstreuen, damit sein Grab nicht zu einem Wallfahrtsort für Neonazis würde. Davon haben sie Abstand genommen und den toten Heß sozusagen nach Hause entlassen, nachdem sie sich zu Lebzeiten trotz vieler Appelle auf eine Begnadigung nicht einigen konnten. Daß die Befürchtungen der vier Mächte keineswegs grundlos waren, zeigte sich schon in der Nacht nach dem Tod von Heß, als vor dem Spandauer Gefängnis rund 200 Rechtsradikale "Sieg heil" und "Rudolf Heß ist frei" riefen und ihn als "Märtyrer des Friedens" bezeichneten.