Von Heinz-Günter Kemmer

Als die Bürger der Bundesrepublik erfuhren, daß der französische Kernreaktor in Cattenom an der Mosel wegen fehlender Stromnachfrage über das Wochenende abgeschaltet worden sei, war das nur die halbe Wahrheit. Denn mittlerweile lieferte das Kraftwerk schon seit 24 Stunden wieder Strom in das Netz der staatlichen Versorgungsgesellschaft Electricite de France (EdF), die den Wochenendbedarf der Grande Nation offensichtlich unterschätzt hatte.

Das ändert freilich nichts an der Tatsache, daß unsere westlichen Nachbarn mehr Kraftwerke haben, als sie zur Versorgung ihres Landes brauchen. 49 Atommeiler mit zusammen fast 46 000 Megawatt (MW) Leistung sind bereits gebaut, weitere zwölf Reaktoren mit zusammen knapp 16 000 MW Leistung sollen bis 1992 ans Netz gehen – die Überkapazität wächst mit atemberaubender Geschwindigkeit.

Aber die EdF und ihren Eigentümer, den französischen Staat, ficht das wenig an. Wenn die Franzosen den Strom nicht gebrauchen können, so meinen sie, dann wird er eben exportiert. Schließlich darf der freie Warenverkehr in der Europäischen Gemeinschaft von 1992 an nicht mehr behindert werden, und da sollte es doch ein leichtes sein, den in der Gemeinschaft am billigsten erzeugten Strom auch jenseits der Grenzen zu verkaufen.

Alain Madelin, der französische Industrieminister, verriet der Wirtschaftswoche jüngst, welche Pläne sein Land hat: Zu den dreißig Milliarden Kilowatt-Stunden (kWh), die die Franzosen schon jetzt jährlich ins Ausland verkaufen, sollen bis 1990 weitere zwanzig Milliarden hinzukommen. Und Günther Klätte vom Vorstand des Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerkes (RWE) in Essen sagte vor einem Ausschuß des nordrhein-westfälischen Landtages, der vor wenigen Wochen eine Anhörung über das Thema Stromimporte für notwendig hielt, über die Pläne der EdF: „Sie will nach eigenen Äußerungen neunzig Milliarden kWh verkaufen.“

Die Menge ist zwar nicht allein für die Bundesrepublik bestimmt, diese spielt aber in den Überlegungen der Franzosen eine bedeutende Rolle. Denn diesseits des Rheins gibt es eine Reihe von bedeutenden Stromverbrauchern, die mit der Preisgestaltung ihrer deutschen Hoflieferanten nicht zufrieden sind. Für die Hersteller von Aluminium oder Chemiekunststoffen etwa ist der Strompreis schließlich die wichtigste Kalkulationsgroße.

Schon vor fünf Jahren klagte der damals im BASF-Vorstand für die Stromversorgung zuständige Ronaldo Schmitz über die „unflexiblen Bedingungen der deutschen Stromlieferanten“ und sprach von einer „Vereinheitlichung der Tarifierung“, die deutsche Industrieunternehmen „bis an den Rand der Existenzgrundlage“ treibe. Ultima ratio war damals für Schmitz die Verlagerung von stromintensiven Produktionsgängen ins Ausland. Aber bis heute hat die BASF weder billigen Strom aus Frankreich bezogen noch hat sie Teile ihrer Fabrikation verlagert. Und pleite gegangen ist das Unternehmen schon gar nicht.