Von Walter Helfer

Bagdad, im August

Die Hitze dieser Tage lähmt Bagdad. In der Ebene zwischen Euphrat und Tigris werden über 50 Grad Celsius im Schatten gemessen, die Menschen sind gereizt, der heiße Wind schmerzt die Augen. In diesen Sommermonaten pflegten die Irakis ihre Putsche und Revolutionen zu inszenieren. In den Hochöfen ihrer Kasernen erreichten die Offiziere das notwendige Maß an Verrücktheit und Wut, um loszuschlagen. Zumindest wird es so in Bagdad erzählt.

Das moderne Bagdad ist das Werk der letzten Revolution, die Präsident Saddam Hussein verkörpert. Aus einer muffigen, verschlafenen Stadt am Tigris, in der fast nichts mehr an die große Zeit der Abbasiden, an Harun al-Raschid oder an 1001 Nacht erinnerte, ist eine hochmoderne Hauptstadt geworden, in der heute fast ein Viertel aller 15 Millionen Irakis lebt. Während sich der ländliche Irak noch deutlich als Entwicklungsland darstellt, besitzt Bagdad mit seinen Stadtautobahnen, Hochhäusern und Hotels alle Merkmale einer modernen, wenn auch reizlosen Großstadt.

Bis zum Krieg hatte das sozialistische Baath-Regime die Einnahmen aus dem Öl oft sinnvoll in die Entwicklung des Landes gesteckt. Saddam Hussein, seit zehn Jahren der starke Mann, kam mit seinem populistischen Nasserismus beim Volk gut an. Der Petrodollar-Segen überdeckte, wie unbeliebt der Apparat des Regimes war. Doch nach sieben Jahren Krieg und Milliarden Kosten leidet auch das Charisma des Präsidenten. Die lange so selbstverständlichen Geschenke des Staates sind drastisch eingeschränkt worden. Aber in Arabien wird ein Herrscher daran gemessen, was er spendieren kann. Saddam Hussein bietet heute austerity und Krieg.

Trotz der Widrigkeiten sitzt das Regime jedoch fest im Sattel; daran ändern auch die Autobomben nichts, die neuerdings hochgehen. Die letzte, am 12. August um 14 Uhr vor dem Gebäude der Sozialversicherung gezündet, tötete mindestens 17 Menschen. Natürlich werden solche Vorfälle in der scharf zensierten Presse nicht berichtet, aber der zusätzliche Sicherheitsaufwand macht jedem klar, daß irgendwo etwas passiert ist. Wer eine Schreibmaschine ins Land bringt, muß, wenn er sie behalten will, von jeder Type einen Probeanschlag abliefern. Er könnte ja subversive Pamphlete verfassen. Photokopieren ist verboten.

Bei solchen Sicherheitsmaßnahmen wundert es nicht, daß eine offene Opposition unbekannt ist. Sie arbeitet konspirativ wie das Regime, niemand kennt ihre Stärke. Al Dawa etwa, die bekannteste Bewegung, hat ihr Hauptquartier in Teheran; die Iraner agitieren unter den irakischen Schiiten, die 50 Prozent der Bevölkerung ausmachen – offenbar mit geringem Erfolg. Auch gut informierte westliche Diplomaten wissen zur Stärke der Opposition nichts zu sagen.