Das Rätsel Schmerz ist noch ungelöst. "Tiefe Unwissenheit" herrsche noch immer über viele Aspekte des Schmerzes, sagte nach dem jüngsten Weltkongreß der Schmerzforscher in Hamburg der kanadische Psychologe und Kongreßpräsident Ronald Melzack.

Schmerzforschung wird intensiv erst seit etwa zwanzig Jahren betrieben, und Melzacks vieldiskutierte gute control theory, wonach der Schmerz im Rückenmark gewisse "Tore" passieren muß, um wahrgenommen zu werden, gab einen wichtigen Anstoß dazu. Auch heute noch sei die Schmerzforschung materiell und personell viel zu dürftig ausgestattet, kritisierte in Hamburg der Heidelberger Physiologe Manfred Zimmermann, Präsident der Gesellschaft zum Studium des Schmerzes, einer Sektion der International Association for the Study of Pain.

Die Ausbildung von Schmerzärzten, so Professor Zimmermann, sei völlig unzureichend, an vielen Orten fehle sie ganz: "An den Universitäten ist Schmerz kein Thema." Auch kassenärztliche Vorschriften, Verschreibungsverordnung und andere Hindernisse innerhalb des Gesundheitssystems stünden einer ausreichenden Versorgung von Schmerzpatienten im Wege.

Eines der größten Hemmnisse für eine ausreichende Versorgung Schmerzkranker in der Bundesrepublik bildet das Betäubungsmittelgesetz. Es schreibt vor, daß Opiate nur in streng begrenzten Mengen und unter erheblichem bürokratischen Aufwand verschrieben werden dürfen. Damit soll verhindert werden, daß Drogenabhängige solche Medikamente mißbräuchlich verwenden. Die bürokratische Hürde – bei Verstößen oder Fehlern muß ein Arzt mit empfindlichen Geldstrafen rechnen – und die Gedankenverbindung Opiate/Drogensucht führen zu unhaltbaren Zuständen, unter anderem bei der Behandlung von Krebskranken.

Michael Zenz vom Universitätskrankenhaus Bochum schätzt, daß mehr als achtzig Prozent der Krebskranken im letzten Stadium unnötig leiden müssen. Traditionell herrsche in der Bundesrepublik bei Ärzten wie bei Patienten eine große Scheu vor Opiaten. Nur etwa fünfzehn Prozent der Ärzte seien bereit, ihren Schmerzpatienten Opiate zu verschreiben, nur etwa fünf Prozent der schwer Schmerzkranken erhalten diese Medikamente. Dabei sei, so Zenz, die Gefahr der Abhängigkeit von Opiaten auszuschließen, wenn regelmäßig eine individuell ermittelte Dosis gegeben werde, die den Schmerz anhaltend unterdrückt. Süchtig werde man nur, wenn man sich auf den nächsten Morphium-Schub freuen könne. Wenn aber ein Patient auf das Medikament richtig eingestellt sei (wenn also immer ein bestimmter Wirkspiegel im Blut erhalten bleibt, der für Schmerzfreiheit sorgt, aber unterhalb der toxischen Grenze liegt), könne der Patient gar nicht in den kritischen Bereich hineingeraten, in dem die starken Schmerzen wiederkehren und den Wunsch nach der nächsten Morphiumgabe auslösen.

Einen schwer krebskranken Menschen im letzten Stadium vor Suchtgefahr bewahren zu wollen, mutet ohnehin reichlich seltsam an. Bis zum August 1986 war die Verschreibung von Höchstmengen so geregelt, daß selbst schwerkranke Patienten sich die Rezepte für schmerzhemmende Opiate unter Umständen täglich neu aus der Arztpraxis holen mußten; inzwischen ist es immerhin möglich, einem schwer leidenden Patienten den Bedarf an Opiaten für sieben Tage auf einem einzigen Rezept zu verschreiben. Die tiefverwurzelte Angst vor Opiaten verstellt häufig den Blick auf Abhängigkeiten, die sehr viel häufiger sind. Zenz verweist auf Ergebnisse von Untersuchungen an der Universität Göttingen; dort hätten Alkoholismus und Psychopharmaka-Abhängigkeit eine weitaus größere Rolle gespielt als Morphiumsucht.

Wie der italienische Schmerzforscher Vittorio Ventafridda in Hamburg berichtete, hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits im Jahre 1982 einen Dreistufenplan zur Schmerzbehandlung vor allem von Krebspatienten entwickelt, der auch Opiat-Behandlung einschließt. Wenn sich die ängstliche Einstellung gegenüber Opiaten ändere, könne sicherlich pro Jahr etwa dreieinhalb Millionen Schmerzkranken zusätzlich geholfen werden.