Boris spielt falsch. Und wir alle, die wir geblendet vom Vorbild der Cracks zum Racket griffen, um im weißen Sport mit Würde zu dilettieren, wir erst recht. Die herkömmlichen Lehrmethoden sind passé. In der Ära der neuen Innerlichkeit führt zur wahren Meisterschaft nur eins: „Meditatives Tennis“.

Kein Wunder, daß Boris neuerdings so oft geschlagen vom Court muß – er hat gewiß nach der alten Schule trainiert. Die soll fatal sein, läßt uns ein Sportlehrer wissen, der unter die Gurus gegangen ist. Die Technik von gestern zielt vornehmlich auf den „analysierenden Verstand“, „überfordert“ daher und hemmt „den natürlichen Bewegungsablauf“.

Noch üblere Folgen haben „verkopfte“ Tennis-Etüden für Wettkampfspieler: „Wer während des Spiels anfängt, darüber nachzudenken, was er falsch macht oder sich über den Schiedsrichter ärgert, stört seine innere Harmonie.“

Wohl wahr. Ein Glück, daß Boris und wir nun endlich Gelegenheit bekommen, mit esoterischen Praktiken Vor- und Rückhandfehler auszubügeln. „Die Konzentration auf einen Punkt (z. B. den Tennisball) ist der eine wesentliche Übungsschritt dabei, der zweite: das gezielte Nicht-Denken.“

Um kopflos zu werden, müssen wir uns freilich in ein Ferien-Meditationszentrum nach Lanzarote bemühen. Es verspricht übersinnliche Körperertüchtigung: „Meditatives Tennis schaltet den Verstand weitgehend aus“, denn: „Der Körper weiß selber am besten, wie er den Ball erfolgreich über das Netz bringt.“

Na prima. Dann kann nach dem New Age endlich das goldene Zeitalter der Champions anbrechen. Ist doch in jedem von uns „der ideale Schlag schon angelegt“. Selber schuld, wer seinen Körper angestrengt über die rote Erde scheucht. „Man muß ihn nur lassen und nicht durch ständiges Hineinreden in seiner Entfaltung behindern“, rät der Tennis-Therapeut.

Er führt mit mentalem und autogenem Training, mit Visualisierungs- und Imaginationsübungen zur rechten Kondition. Der siebte Sinn sagt, was passiert, wenn das zum Beispiel Schule macht. Reglos wie Buddhas werden Tennis-Profis und -Azubis auf dem leeren Court lagern. Ganz entspannt werden sie vom Hier und Jetzt ins herrliche Land „Phantasien“ entschweben, ihre Bälle nur mehr im Geist schmettern: Bum-bum, und wieder ein Treffer, bumbum, und wieder ein Sieg.

Isolde von Mersi