Von Max Hayn

Der Schulranzen steht schon an der Tür, der Kakao auf dem Küchentisch. „Papa, mir läuft das Wasser im Mund zusammen, aber ich mag nichts essen.“ Utas letztes Frühstück vor der Einschulung soll also ins Wasser fallen. Natürlich war ihr der Erwartungs- und Anspannungszustand an diesem Morgen gleich anzusehen, aber den Satz darf ich trotz seiner klaren Aussage nicht im Raum stehenlassen, ohne das Gespräch fortzuführen. Weshalb sie denn keine Lust aufs Frühstück habe? „Ach, ich weiß nicht: Soll ich mich nun freuen, oder soll ich mich nicht freuen?“

Wäre es mir lieber gewesen, Uta hätte brav Vorfreude bekundet, hätte sich restlos von uns einreden lassen, Schule sei ganz toll, sei eitel Freud und Wonne? Aber derlei würde man doch auch nur behauptet haben, um sich als Eltern an einem solchen Tag ein wenig über die eigenen Gefühle hinwegzumogeln. In Wirklichkeit ist es besser, solche Einschnitte zu erleben, anstatt sie in vorgespiegelten Euphorien zu verbergen. Streß und Stolz ringen also in einer Brust – dafür aber fällt das Frühstück nach der ersten Rückkehr aus der Schule um so deftiger aus – und das nicht nur bei Uta.

Die Schule, das war schon seit Monaten ein Thema, eine Perspektive, wie man so sagt. Denn in einem bestimmten Sinne war Uta seit etwa einem halben Jahr in eine spezielle Form der Isolierung geraten. Ihre drei Jahre ältere Schwester ist eine ausgeprägte Leseratte. Wissen ist Macht; was das bedeutet, hat Uta schon in ihrer Welt zu spüren bekommen. Wer lesen kann, kann vorlesen. Wer nicht lesen kann, muß jemanden finden, der ihm vorlesen mag.

Drei zu eins: Mutter, Vater, Hanna hier, Uta dort. Gewiß ist Hanna gerne bereit, ihrer Schwester vorzulesen. Aber wenn auch sie nicht mag, steht Uta arm da. Wenn drei Leute lesen, ihr zu sagen: „Also, du hast so viel anderes zum Spielen...“, das verfehlt den Punkt vollkommen, weil es an der Ausgeschlossenheit nichts ändert, sie im Gegenteil eher noch betont: „Wißt ihr, was ich ganz doof finde? Ihr könnt alle lesen, ich nicht!“

Schule, Bildung als Emanzipation – hier wird es im Kern deutlich. Aber auch der Verlust, von dem wir hier vielleicht noch nicht sprechen sollten? Wir werden doch nicht in einiger Zeit sagen: Jetzt kannst du lesen. Lies doch selber ein Buch!“ Vorlesen, das bleibt auch für Hanna immer noch ein Genuß, selbst wenn sie das ganze „Saltkrokan“ derart präzise im Kopf hat, daß ein zugunsten von Uta unternommener Versuch, kurz vor dem Einschlafen beunruhigende Passagen zu glätten, aus dem anderen Bett sofort korrigiert wird: „Das heißt nicht, „wegen der vielen Seeleute’, sondern‚ wegen der vielen ertrunkenen Seeleute‘.“ Lesen können, das heißt auch, diese Beschönigungsmacht der Eltern zu unterlaufen.

Die Chancen lagen also seit Monaten immer deutlicher auf der Hand. Aber jetzt, wo es an die Realisierung geht, spürt Uta die Schwelle an Leib und Seele.