Joseph Kardinal Höffner, seit 1969 Erzbischof von Köln, hat den Vorsitz der Katholischen Deutschen Bischofskonferenz, die er seit 1976 leitete, niedergelegt. Höffner leidet an einem Gehirntumor.

Der Bauernsohn aus dem Westerwald, der vergangene Weihnachten bei seinem achtzigsten Geburtstag noch so rüstig wirkte, daß der Papst sein wiederholtes Rücktrittsangebot ablehnte, hatte eigentlich eher eine wissenschaftliche als eine kirchenpolitische Karriere vor Augen.

Mit 23 Jahren holte er sich in Rom den philosophischen, mit 28 den theologischen Doktorhut; besonders stolz aber war Höffner immer auf seine wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Ausbildung („Ich als Diplom-Volkswirt ...“, argumentiert er nicht selten). Sie hat auch sein seelsorgerisches Engagement, das er als Kaplan in Saarbrücken und als Pfarrer in Trier begann, beeinflußt.

In Münster, wo Höffner ein Jahrzehnt als Professor wirkte und dann 1962 Bischof wurde, gründete er ein Institut für christliche Sozialwissenschaften und schrieb Bücher, in denen sich – im Sinne der katholischen Soziallehre – konservative und progressive Elemente die Waage hielten. Entsprechend bemühte er sich in aktuellen Streitfragen auszugleichen und doch keinen der Kirchen-Grundsätze aufzugeben.

1984 hielt er vor der Bischofskonferenz eine Vorlesung über Befreiungstheologie, die präziser war als das römische Papier zum Thema und sich mit sanfter Ironie auf die Praxis bezog: In Lateinamerika habe er gesehen, daß dort der Klerus durchaus nicht am Massenelend teilhabe, sondern jenen „mittelständischen“ Lebensstandard habe, der für die gesamte Bevölkerung erreicht werden müsse. Auch im Vatikan, wo Höffner lange Jahre als Mitglied in fünf Kurien-Institutionen mitredete, schätzte man seinen nüchternen Rat – meist ohne ihm zu folgen. So forderte Höffner seit Jahren vergebens, die umstrittenen Vatikan-Finanzen Laienfachleuten statt Prälaten anzuvertrauen.

„Als ich ein kleiner Junge war, ist man Sozialdemokrat oder katholischer Zentrumsmann bis in die Knochen gewesen – jetzt gibt es meist nur noch Teilidentifikation“, sagt Höffner und findet dies im politischen Bereich nicht so schlimm wie im religiösen. Gegen die zunehmende Entchristlichung hat er sich immer gestemmt, doch ohne blinden Eifer. „Es ist richtig, nicht selber Vorsehung spielen zu wollen, sondern den Ruf auf sich zukommen zu lassen, dann aber nicht zurückzuweichen“ – so summiert der Kardinal seine Lebenserfahrung.

Hansjakob Stehle (Rom)