Zwei sitzen im gleichen Zug, zwei lernen sich kennen. Später fragt sie dann, ob es auch das Schicksal war, das sie zusammengeführt hat? Nein, antwortet er, sie seien lediglich in die gleiche Richtung gefahren. Destin und destination, im Französischen liegt das nah beieinander. Mit ähnlichen Worten beschreiben die beiden denselben Vorgang und meinen doch Verschiedenes. Ganz verstehen sie sich eigentlich nie. Und doch finden sie zusammen, dort, wo sich die Ränder ihrer Verschiedenheit auflösen, in der Begierde.

Darum geht es in diesem Film: Wie etwas Konturen annimmt, und wie diese sich wieder verwischen, Wie sich etwas sammelt und sich wieder verliert. Der Film ist ständig im Fluß. Momentelang wird etwas sichtbar, bildet eine Welle, um gleich darauf vor unseren Augen wieder zu verschwimmen. Vielleicht kommt dasdaher, daß Myriam Mezières nicht nur das Drehbuch geschrieben hat, sondern auch die Hauptrolle spielt. Ihren Worten hat sie den eigenen Körper gegeben und dann gesehen, wie dieser auf der Leinwand wieder zerfließt. Nie kann man sie sehen, wie sie eigentlich ist.

Mercedes ist Schauspielerin. Als sie unglücklich ist, sagt ihr ein Freund, sie wisse doch, daß sich im Theater der Hirte und die Prinzessin nie finden – es sei denn, sie verkleideten sich. Mercedes aber erwidert, in der Wüste gehe das eben doch. Wodurch klar wird, daß es für sie in ihrem Beruf nicht auf die Verkleidungen, auf das Rollenspiel ankommt. Vielmehr möchte sie auf dem leeren Raum der Bühne herauskriegen, wie das funktioniert: Zwei Menschen, zwei Körper, Liebe, Sex. Myriam Mezières spricht gleichzeitig für Mercedes, wenn sie sagt: "Als einziges im Leben interessiert mich herauszufinden, was das ist: die Begierde." Darin gleicht Mercedes einem Kind, das seine Uhr zerlegt und versucht, sie nieder zusammenzubauen, um herauszubilden, was Zeit ist.

Was bringt die Flamme in meinem Herzen zum Brennen? Weil sich Mercedes dieser Frage allenfalls unbewußt nähert, weil der Film sich auszusprechen weigert, was man in den Bildern sehen kann, beginnt die Leinwand selber zu flackern. Und je länger man vor dem Feuer sitzt, desto länger möchte man hineinstarren. Wenn der Film anfängt, geht etwas zu Ende. Mercedes will loskommen von Johnny. Daß sie sich ihm zum Abschied ein letztes Mal gewährt, hat mit Johnnys Beharrlichkeit zu tun, aber auch mit ihrer Suche nach der Wahrheit im Niemandsland der Körper. Vorher stript sie noch einmal für Johnny, führt ihm das Bild, das er von ihr hat, vor Augen. Indem Alain Tanner Myriam Mezières dabei filmt, verdoppelt sich das Bild. Ein Mann verfilmt die Vorstellungen einer Frau vom Blick der Männer auf den Körper einer Frau. Diese Spiegelung im Unendlichen droht den Film manchmal auszuzehren, hält ihn aber auch in einer wunderbaren Schwebe.

Eines Abends begegnet Mercedes in der Metro einem anderen Mann. Das Abteil ist leer, die beiden sitzen eine Blickweite auseinander. Ausweichende Blicke, ein schüchternes Lächeln. Sie folgt ihm durch die Gänge, holt ihn auf der Rolltreppe ein. Mit einer angedeuteten Geste läßt er ihr den Vortritt, fast wie bei einer Kapitulation. Bei der gemeinsamen Nacht im Hotelzimmer sollte man immer im Kopf behalten, daß dieser Männerwunschtraum die Erfindung einer Frau ist. Das schafft das notwendige Gleichgewicht der Begierde: Zwei Körper in einem leeren Raum, in der Wüste. Ihre Namen nennen sie einander erst am nächsten Morgen.

Pierre ist Journalist, sein Beruf sind die Worte. Er sagt: Am Anfang war das Wort. Sie sagt: Mein Körper ist mir heilig. Sie treffen sich dazwischen, im Niemandsland – "No Man’s Land" hieß Tanners letzte Arbeit, ein Schmugglerfilm. Und "ein Schmugglergut an der Grenze einer Beziehung" nennt auch Myriam Mezieres die Begierde. Das heißt auch: dort existiert die Grenze nicht. Sich dort verlieren zu wollen, ist für einen, der wie Tanner aus der für ihre Enge berüchtigten Schweiz kommt, eine natürliche Sehnsucht. Darum suchen alle seine Figuren diesen Ort und gehen dabei verloren: "In der weißen Stadt" oder "Lichtjahre entfernt" in den Lüften, in der Schweizer Landschaft in "Messidor" oder im Jahr 2000 in "Jonas...". Und man bezahlt für den Aufenthalt immer mit dem Tod.

"Eine Flamme in meinem Herzen" endet in Kairo, der Stadt der Pyramiden, dieser gigantischen Grabmäler. Und so zufällig, wie ihr Pierre begegnet ist, verschwindet auch Mercedes aus diesem Film, taucht ein in diese Stadt, geht auf in ihr. Verloren in irgendeinem Vorort Kairos, ohne Abschied, ohne Ende. Es ist, wie der Lokomotivführer Charles in "Jonas ..." einmal sagt: "Man fährt immer vorwärts bis zum Horizont, da wo die Gleise zusammentreffen. Aber man kann fahren, so weit man will: zusammen kommen sie niemals." Michael Althen