Von Erhard Mindermann

Alexander Weiss starb wie er lebte: unbemerkt und abseits. Am 25. Mai 1987 wurde Alexander Gerhard Weiss in Stockholm begraben. Man bezeichnete ihn als Autor, der Einsamkeit und Fremdheit in seinem umfangreichen Werk darstellte, das Absurde beleuchtete, Einzelgänger blieb und rigoros frei.

Der Bruder des Schriftstellers Peter Weiss wurde 1924 in Bremen geboren, flüchtete nach England, in die Tschechoslowakei und 1938 nach Schweden, wo er 1964 mit „Positioner“ zu publizieren. begann. In dieser Sammlung von Aphorismen und Tagebuchnotizen ist sein Grundthema gekennzeichnet: „Aufbruch in eine andere Welt. Seitdem immer Aufbruch – nie mehr Ruhe, nie Geborgenheit und nie ein bestimmtes Ziel, nie Gewißheit über das, was kommen wird, immer höheren Mächten ausgeliefert, mehr und mehr allein und unfähig, sich Gehör zu verschaffen.“

Er schrieb Hörspiele, viele Bücher und 1981 debütierte er mit „Skärvor“ (Bruchstücke) am Dramaten in Stockholm. Es sollte eine neue Ausdrucksart sein, wo Zeit und Raum im Theater aufgehoben werden und die Zuschauer mit Gedanken und Gefühlen beteiligt sind. Ein Mann und eine Frau sprechen, ohne einander zu erreichen. Sie reden über ein Fest, von dem der Zuschauer nicht weiß, ob es schon stattgefunden hat oder noch stattfindet. Die Sprache trägt das Stück. Die Dialoge sind wie Aphorismen. Alexander Weiss wollte zeigen, wie unbewußt Geschehnisse vorausgesehen werden können. Das Stück läßt offen, ob es sich in einer Szene um eine Geburt oder eine Abtreibung handelt. Durch die Geburt von David, Weiss’ Sohn, wurde das Stück Realität: Gegen die Vorurteile der Gesellschaft will er beweisen, daß er das Kind allein erziehen kann. So entstand im gleichen Jahr die Gedichtsammlung „Det möjgliga livet“ (Das mögliche Leben), wo er seine Gefühle und seinen Kampf um David beschreibt.

Nach der Beerdigung von Peter Weiss, 1982, erlitt er einen Schlaganfall: Der Kampf um David dramatisiert sich. In Briefen an Carola Hunold, seine junge Nichte, drückt er Wut und Verzweiflung aus: „Die größte Angst galt David, den ich wie in einem Thriller vor der Gesellschaft in Sicherheit bringen mußte ... Gleichzeitig ging nun seine Mutter Marie vor Gericht und wollte einen Vorteil aus meiner Thrombose haben. Außer meiner Angst um David, gab es dann meine Angst... Es fällt mir schwer, von meinem Leben zu erzählen, seitdem ich im Mai vom Schlag getroffen wurde... Und alle Menschen wenden sich von einem ab, nicht aus Bosheit, sondern weil das Eingetroffene soviel Angst überall weckt.“

Später schrieb er: „Ich habe jetzt den Bescheid von zwei Ärzten bekommen, daß mein rechter Arm und meine rechte Hand unbrauchbar bleiben und ich mich nur auf das rechte Bein stützen kann, um wenige Schritte mit Hilfsmitteln zu gehen. Meinem Verlag habe ich mein Manuskript geliefert, um bestenfalls eine Reaktion zu bekommen. Habe aber keine Ahnung, wann die nun kommt und welcher Art sie sein wird. Ich kann mir also bis auf Weiteres einbilden und manchmal ein bißchen weiterschreiben.“

Alexander Weiss arbeitete an diesem Manuskript bis zu seinem Tode am 6, Mai 1987. Er beschreibt die verschiedenen Phasen seiner Krankheit und was Großkrankenhäuser aus ihren Patienten machen.