Von Esther Knorr-Anders

Mit Augenzwinkern hatte ein katholischer Christ einmal geäußert, man dürfe die vierzehn heiligen Nothelfer niemals gemeinsam anrufen, es fühle sich dann keiner für die vorgetragene Bitte zuständig. Jeder von ihnen vertrete einen Fachbereich. Er müsse persönlich um Hilfe gebeten werden. An den heiligen Valentinus von Terni wenden sich seit jeher die körperlich Behinderten, die Epileptiker und alle, deren Seele im Laufe des Lebens zu Schaden kam.

Das zur Gemeinde Kiedrich im Rheingau gehörende psychiatrische Krankenhaus St. Valentinus liegt zwischen Weinbergen und Waldungen verborgen. Auf das riesige Krankenhausareal blicken die Wolken und die Burgruine Scharfenstein. Mit der Ordensfrau Marita sitze ich auf der Veranda des rund hundert Jahre alten Hauptgebäudes. Von hier aus gleitet der Blick zu den Bauten des Therapiebereichs, zum Personalwohnheim und zum modernen, 1979 entstandenen Stationsgebäude. Zwischen den Bauten liegt die Gärtnerei, dehnen sich die Blumenfelder, Spazierwege führen durch einen parkähnlichen Garten.

Blickfang für die in den Valentinus-Kliniken Beschäftigten, für alle Patienten wie auch für den Besucher aber bildet das alte Haupthaus. Die steilen, mit Gauben und Luken bestückten Schieferdächer glänzen. Die schmalen, hohen Fenster sind von rötlichem Sandstein umrahmt. Das behäbige Haus strömt Ruhe aus. Es wirkt geradezu verwunschen. Und es ist ja auch ein Haus der verwunschenen Seelen, denn es birgt auch jene Kranken, die für immer in seinen Mauern leben werden. Ihre Psyche entglitt der Heilung durch ärztliche Kunst, sie leben in anderen Welten. Vielleicht erfreut sie noch eine Melodie oder die Klangfärbung einer Stimme. Vielleicht sind ihnen bestimmte Hände bei der Berührung angenehm. Vielleicht.

Eine Gruppe schwer Verhaltensgestörter zieht durch den Garten. Lachen schrillt; dazwischen herzzerreißende Schreie. Plötzlich hüpfen sie wie Kinder, scharen sich um die sie begleitenden Betreuerinnen. Schwester Marita winkt ihnen zu. Ich betrachte sie. Sie mag über fünfzig sein. Es hat nichts zu sagen. Sie wirkt bestürzend mädchenhaft. Die zierliche Gestalt steckt in dem raffiniert schlichten Nonnengewand.

Schwester Maritas Eltern waren entsetzt, als sie erklärte, daß sie der Kongregation der Armen Dienstmägde Jesu Christi beitreten werde. „In meiner Familie, in dem ganz kleinen Ort, aus dem ich stamme, war so etwas noch nie passiert.“ Aber Marita war nun einmal leidenschaftliche Sozialpädagogin, und da bot ihr der mit der Gründung des Valentinus-Krakenhauses verbundene Frauenorden die insgeheim erwünschte Selbstverwirklichung. Über sieben Jahre prüfte sie sich, ehe sie das Ewige Gelöbnis ablegte.

„Kommen Sie, ich zeige Ihnen unseren Bassenheimer Hof.“ Durch lange, mit Kreuzrippen versehene Flure verlassen wir das Haupthaus. Einmal stellt sich ein junger Langzeitpatient der Schwester in den Weg. Er beäugt sie eingehend. Die Liebe muß ihn gepackt haben. „Schwester Marita, du bist so schön. Hast nur ein bißchen wenig Brust.“ Sie lacht ihn an. „Ja, Junge, mehr ist nicht da.“ Wir überqueren den Hof, gehen am Weinberg entlang. Dort steht der 1660 erbaute Wohnsitz der gräflichen Familie der Bassenheimer. 1926 ging das Prachtstück in den Besitz des Krankenhauses über. Aus schwarzem Holz geschnitzte Treppen und Türen geben den Weg in Aufenthaltsräume mit kostbaren Renaissance-Möbeln frei. Da sitzen sie, spielen und werkeln und freuen sich über jeden Gast. Es sind an Mongolismus Leidende, Epileptiker und hilfsbedürftige Minderbegabte. Sie wohnen hier, und zwar lebenslänglich. Von ihren Angehörigen werden sie besucht. Doch nicht nur von ihnen. Ganz Kiedrich fühlt sich dem Valentinushaus und seinen Lang- und Kurzzeitpatienten verbunden. Kommen Kranke aus den offenen Stationen zum Einkaufen oder Plaudern in den Ort, gibt man auf sie acht. Haben sich einzelne verirrt, werden sie zurückgeleitet.