Von Georg Wagner

Es war im Zusammenhang mit den jüngsten Abrüstungsvorschlägen, daß mir in einem Zeitungskommentar wieder einmal das Wort „vorsintflutlich“ auffiel. Der Autor ironisierte damit den technischen Stand der seit den sechziger Jahren in der Bundesrepublik stationierten Pershings 1A. Die 72 Raketen sind für Sprengköpfe mit einer Explosionskraft zwischen sechzig und vierhundert Kilotonnen vorgesehen. Hiroshima wurde mit einer 20-Kilotonnen-Bombe zerstört. Die Pershings 1A können demnach, entsprechend bestückt, 216 bis maximal 1440 Großstädte mit der Einwohnerzahl Hiroshimas vernichten. Nehmen wir jeweils hunderttausend Tote an, dann bedrohen die „vorsintflutlichen“ Raketen zwischen 21 und 144 Millionen Menschenleben. Eine Milchmädchenrechnung, zugegeben, aber wo bewegen wir uns in Rüstungsfragen bisher oberhalb des Niveaus?

Die achtlose Wortwahl, das Beispiel selbst und seine Rolle im „Raketenpoker“ (ein ähnlich leichtgewichtiges Wort) machen unsere in Jahrzehnten des Wettrüstens erworbenen Denkgewohnheiten, den vertrauten Umgang mit nuklearer Vernichtungstechnik deutlich. Zudem nimmt der in Abschreckungskategorien denkende Mensch für sich in Anspruch, die bestehende erdumspannende Tötungsmaschinerie selber gar nicht zu wollen. Er sieht sich als Mensch ganz anders, moralisch, ein friedliches Wesen – ein „Peace-Maker“. Das überwältigende Ausmaß an Unschuld nach einem Atomkrieg – soweit Überlebende noch vorhanden sind – läßt sich schon absehen. Dies alles bedacht, muß an dem gängigen Menschenbild, daß wir doch grundsätzlich das Gute wollen, daß unser Gewissen uns vor Bösem bewahren könnte, etwas nicht stimmen.

Wenn Vernichtungstechnik nicht nur unsere wissenschaftlichen, sondern – wie anzunehmen – auch unsere moralischen Fähigkeiten und Mängel sichtbar macht, dann paßt dazu ein „anderer Mensch“ besser. Realistischer erscheint ein düsteres Bild vom Menschen – eine „schwarze Anthropologie“. Doch wir mögen auf dem besten Weg zur Weltvernichtung sein, Tierarten ausrotten, die Erde zur Wüste machen, Menschenmassen verhungern lassen, das Klima zerstören, die Meere vergiften – das Bild des Menschen von sich selbst bleibt heil. Was ist wohl erstaunlicher: Die Zerstörungslust der Menschheit oder die schuldig/unschuldige Naivität, mit der sie sich selbst aus der Verantwortung nimmt?

Eine „schwarze Anthropologie“, eine nicht einfach pessimistische, sondern konsequent von einem düsteren Menschenbild bestimmte, ist selten. De Sade, der sonderbarste Philosoph an der Schwelle zum 19. Jahrhundert, machte darin eine Ausnahme. Kaum befangen von den sich ankündigenden Problemen der industriellen Revolution und schon gar nicht von denen unserer heutigen nuklearen Ära, ist er mit unserer Zeit sozusagen weder verwandt noch verschwägert. Dies macht ihn zu einem zuverlässigen Zeugen, der erstaunlich aktuell ist angesichts dessen, was im zwanzigsten Jahrhundert bisher geschah und – wie nicht zu hoffen ist – für Künftiges.

Den größten Teil seines Lebens verbrachte de Sade hinter Kerkermauern. Seine Werke wurden verboten und verbrannt; es erhielt sich allein der Begriff „Sadismus“. Donatien Alphonse François Marquis de Sade hatte eine fremdartige Lust zu quälen und gequält zu werden zum Schicksal. Er erlebte die Blutströme der Guillotine. Er erlebte am eigenen Leib jahrzehntelange Einkerkerung. Sie zwang ihn, seine ungewöhnlichen Neigungen in der Phantasie auszuleben. Als einem Angehörigen einer adligen und dazu angesehenen Familie gab man ihm Gelegenheit zum Schreiben; er wurde Verfasser eines umfangreichen Werkes. In seinen Büchern verherrlicht er Laster und Verbrechen. Er stellt sie in allen möglichen, vor allem in sexuellen Arten und Abarten dar.

Im Jahre 1796 erscheint seine „Histoire de Juliette ou Les prosperites du vice“. Die „Geschichte der Juliette oder die Wonnen des Lasters“ ist einer der damals üblichen und beliebten Reiseromane, in denen der Wechsel des Schauplatzes für Abwechslung sorgt. Die Heldin bereist Italien und lernt berühmte Verbrecher und – mit immer neuem Entzücken – ihre entsetzlichen Untaten kennen. In Neapel schildert Juliette mit Enthusiasmus das Theater der Grausamkeit: „In jeder Loge hängen sieben Gemälde mit sieben verschiedenen Hinrichtungsarten. Auf einer Art Klingelbrett drückt man hier auf den gewünschten Knopf, und sogleich wird von vier stämmigen Henkern die Exekution vollzogen: Feuer, Auspeitschung, Galgen, Rad, Pfählung, Enthauptung oder Zerstückelung – fast 1200 Opfer bei jeder Vorstellung!“ In Rom freundet sich Juliette mit der lesbischen Prinzessin Olympe Borghese an und lernt den Polizeipräsidenten Ghigi kennen. Nach dem Motto: „Eines der wichtigsten Gesetze der Natur ist, daß es nichts Unnützes auf der Welt gibt“, steckt Ghigi die 37 römischen Krankenhäuser und Asyle für arme Mädchen in Brand. Der bedeutendste Physiker Europas, Graf Braciani, hilft ihm, „daß keines der durch die umsichtige Politik oder vielmehr durch die wollüstige Boshaftigkeit von Ghigi zu Tode verurteilten Opfer entkommt“!