Hamburg: „Florentiner Seicento“

Schleswig-Holstein hat sein Musikfestival, in Hamburg gibt es immerhin, weniger lautstark propagiert, einen „Toskanischen Sommer“, der auch bei schlechtem Wetter stattfindet und außer kulinarischen Genüssen und Opera Barga eine schöne und interessante Ausstellung in die Kunsthalle gebracht hat. „Il seicento fiorentino“, bis zum Mai 1987 in Florenz im Palazzo Strozzi zu sehen, wird jetzt in Hamburg, auf etwa ein Drittel reduziert, unter dem reichlich vagen Titel „Blick auf Florenz“ präsentiert. Der Blick richtet sich auf ein tatsächlich unbekanntes Florenz; nicht das der Renaissance und des Manierismus, sondern Florentiner Malerei des 17. Jahrhunderts, ein von der Forschung bislang vernachlässigtes Kapitel der italienischen Kunstgeschichte, die eindeutig auf Rom als die eigentliche Barock-Metropole fixiert war. Der Florentiner Barock wurde lange völlig übersehen oder nicht zur Kenntnis genommen. Von den 63 Bildern und 60 Zeichnungen, die in der Hamburger Kunsthalle gezeigt werden, sind die meisten jetzt zum ersten Mal veröffentlicht. Sie stammen aus Privatsammlungen und toskanischen Provinzmuseen oder sie waren in die Magazine der Uffizien und des Pitti verbannt. Von den Künstlern, die sie geschaffen haben, werden allenfalls Experten des Seicento jemals gehört haben. Und die wenigen Künstler, die es zu internationalem Prestige gebracht haben, wie Salvator Rosa oder Carlo Dolci, sind durchaus nicht die Besten. Zu den großen Entdeckungen dieser Ausstellung zählt Filippo Napoletano mit seinen wundervollen Stilleben, den „Zwei Muscheln“ (die von fern an Max Ernst denken lassen) und den „Zwei Zitronen“, die wegen ihres botanischen Themas bereits im 18. Jahrhundert ins Botanische Museum von Florenz gelangten. In die gleiche Kategorie der „Unbekannten Meisterwerke“ gehören die Stilleben von Jacopo da Empoli und eine pastorale Szene von Lorenzo Lippi, die von Tassos „Befreitem Jerusalem“ angeregt wurde, oder der im „weichen Stil“ mit coloristischer Delikatesse gemalte „David“ von Felice Ficherelli (aus Florentiner Privatbesitz). In den landschaftlichen Hintergründen glaubt man gelegentlich Einflüsse von Elsheimer wahrzunehmen – ein Hauptwerk von Elsheimer, den „Kreuzaltar“, hat der Großherzog von Toskana 1619 für Florenz erworben. Daß vor allem auf dem Gebiet der religiösen Malerei auch mittelmäßige, sentimentalische Bilder in die Ausstellung aufgenommen wurden, entspricht den Absichten der Veranstalter, ein objektives Panorama des Florentiner Seicento zu entwerfen. Um so eindrucksvoller ist die Auswahl der Zeichnungen – die lavierten Federzeichnungen von Andrea Boscoli („Callisto und Jupiter“) und die Kohlezeichnungen von Andrea Commodi („Liegender Frauenakt“) dokumentieren den europäischen Rang der Florentiner Zeichnung des 17. Jahrhunderts. (Kunsthalle bis 20.9., Katalog 30 DM)

Gottfried Sello