ARD, Sonntag, 23. 8., 16.10 Uhr: „Licht von Alekan“ – Film von Michael Klier

Über den Kameramann werden gewohnlich zwei Märchen erzählt. Im ersten heißt es, er sei der Kaiser im Kino-Reich, der Regisseur nur sein Zeremonienmeister, der die Gestalten aus dem Drehbuch vor das Auge des Herrschers rufe. Das zweite Märchen behauptet, der Kameramann sei nur ein Vasall, der Arm seines allmächtigen Regisseurs, der die Bilder kommandiere, die Blicke, die Bewegungen. Das dritte Märchen, jenes, in dem der Machtkampf entschieden und das gespaltene Kino mit sich selber versöhnt wird, müßte anders sein. Es müßte von einem Mann erzählen, der mit der Kamera die Welt erfindet, als finde sie sich selbst. In diesem Märchen wären die Dinge von ihrer Untertanenrolle erlöst. Alle Bildgewalt ginge von den Bildern selber aus, von ihrem Licht. Und der Mann, der sie ins Licht stellte, hieße Henri Alekan.

Alekan ist achtundsiebzig Jahre alt, er hat den Stummfilm noch erlebt und die Anfänge des Tonfilms. Und ebenso, wie der Stummfilm nie wirklich stumm war, sind Alekans Tonfilme nie wirklich beredt. Nicht zufällig ist er der Meister des Märchenhaften, in dem das Innenleben der Figuren ganz in Kostüm und Mienenspiel aufgeht. Alekans Licht ist scheu, nicht gnadenlos wie die Leuchtschrift Hollywoods, die immer Waren anpreist und verwirft, Urteile und Vorurteile fällt. Alekans Gesichter sind Masken, ihre Oberfläche bürgt für ihre Tiefe. Das Licht fällt seitlich auf ihre Züge, als fürchtete es, die Gefühle wieder ins Dunkel zu vertreiben, aus dem sie kommen. Wenn in „La Belle et la Bête“ die Schöne beim Anblick der Bestie aufschreit, weicht die Kamera zurück wie vor zuviel Nähe. Alekans Licht leuchtet, indem es verbirgt. Was tief ist im Kino, liebt den Schatten.

Cocteaus „La Belle et la Bête“ (1945) erzählt vom Tier, das Mensch wird. Wim Wenders’ „Der Himmel über Berlin“ (1987) erzählt vom Engel, der Mensch werden will. Wenn man in Michael Kliers Porträt die beiden Filme nebeneinander sieht, scheint es, als läge dazwischen nicht mehr als ein Wechsel des Objektivs. Die Kamera gleitet, die Dinge öffnen sich: Schalen des Wunderbaren. Das kann man manieriert nennen oder altbacken, ärmer wird es dadurch nicht. Das Kino, das heute Kasse macht, spielt mit den Trieben. Abfalls Kino spielt mit dem Begehren, den Träumen, auf einem Märchenplaneten, Lichtjahre entfernt. Andreas Kuh