Bispingen

Ich möchte behaupten, daß diese kleinen Gelderpressungen für schlechte Wege und unbedeutende Brücken nirgendwo schlimmer sind als in Niederdeutschland.“ 1791 war’s, als sich Johann Georg Büsch, der Gründer der Hamburg-Akademie, nach einer Fahrt durch die Lüneburger Heide derart ereiferte. Heute ist die Frage des Wegezolls in den Heidjer-Dörfern so aktuell wie vor 200 Jahren. Während sich Politiker in Europa noch über eine Autobahngebühr streiten, haben die Gemeindeväter des Heideortes Bispingen weniger Skrupel: Sie verlangen von allen Kutschfahrern aus dem benachbarten Landkreis Harburg Gebühren für die Benutzung der Straßen im Naturschutzgebiet Lüneburger Heide.

„Das ist die reinste Wegelagerei“, wettert Hermann Overbeck aus dem Landkreis Harburg, einer der betroffenen Kutscher. Für acht Mark die kleine, zehn Mark die große Runde zeigt er Touristen im Zuckeltrab, was deutsches Herz und deutsche Seele seit dem Heidedichter Hermann Löns ins Schwärmen bringt: Calluna vulgaris und Erica Tetralix in voller Blüte. Pech für ihn, daß seine Kundschaft die Kutschfahrt nur dann als echtes Erlebnis würdigt, wenn sie „Gemeine Besenheide“ und „Glockenheide“ an der Walstatt aller Heidebesucher bewundern kann: am Wilseder Berg. Doch der liegt jenseits der Grenze des Landkreises Harburg.

Der liebe Gott und die Politiker haben Bispingen begünstigt. Zwei Drittel des rund 20 000 Quadratkilometer großen Naturschutzgebietes Lüneburger Heide gehören zu der Einheitsgemeinde. Und mittendrin – im norddeutschen Flachland mit 169 Metern Höhe schier unübersehbar – liegt der Wilseder Berg. Im August und September, wenn die Heide lila schimmert, gleicht er allerdings an sonnigen Wochenenden eher einem überdimensionalen Ameisenhaufen: Dann drängeln sich gut und gerne 80 000 Besucher auf seinen Wegen, rupfen – wenn’s keiner sieht – „die blühenden Zweige bündelweise ab, streuen Papier und Eierschale dahin“. So klagte schon Löns. Indes – dem Heidehof Bispingen bringt der Berg nur Glück. Und Geld. Seit 1974 ist die knapp fünfeinhalbtausend Einwohner zählende Gemeinde staatlich anerkannter Erholungs- und Luftkurort. Damit darf sie einen Fremdenverkehrsbeitrag erheben, eine Art Kurtaxe für Gewerbetreibende. Schon 1979 beschlossen die Gemeindeväter per Satzung, auch jenen Geld abzuknöpfen, die nur vorübergehend auf Bispinger Gebiet tätig sind. Beispielsweise die Kutscher aus dem benachbarten Landkreis.

Prompt flatterte denen Post ins Haus: Die Bispinger wollten wissen, wie viele Kutschen mit wie vielen Plätzen ein jeder habe. Begründung: Für viele Millionen Mark habe man die Wege nach Wilsede auch zum Nutzen der Kutscher aus dem Landkreis Harburg pflastern lassen. Und nun mögen sie, bitte schön, mit 13 Mark pro Kutschplatz im Jahr ihr Scherflein abtragen.

„Da müßten die ja jeden Busfahrer zur Kasse bitten. Schließlich sind die Straßen öffentlich. Gäb’s die nicht, sähe es am Wilseder Berg wie in Rußland oder schlimmer aus“, gerät Kutscher Hermann Overbeck in Rage. 260 Mark hätte er für das vergangene Jahr zahlen sollen. Doch „schon aus Prinzip“ sah er das nicht ein. Und reagierte wie seine 34 Kollegen nach dem Motto: gar nicht um kümmern.

Aber da hatten sie die Rechnung ohne die Bispinger gemacht. Die, des Gebühren-Schlendrians überdrüssig, schätzten daraufhin die Kutschplätze und verschickten Rechnungen. Doch die Heidjer sind stur. Vor allem, wenn es um ihren Geldbeutel geht. Die Kutscher legten Widerspruch ein, und zwanzig von ihnen zogen nun sogar vor das Verwaltungsgericht in Lüneburg. Das soll nun entscheiden, ob die Maut rechtens ist. Immerhin: Es dreht sich um genau 8788 Mark, die die Bispinger kassieren wollen. Egal, wer nun Recht bekommt, einen Gewinner gibt es gewiß: das Rechtsanwaltsbüro, das die Heidekutscher vor Gericht vertritt. Renate Kaufeld